Vor Ort gedenken

Die Gedenkstätte von Caen. © H-J. Sipérius

In Friedenszeiten sind Schlachtfelder, Strände und Städte, die vom Krieg betroffen waren, bereit für Feiern und andere Gedenkrituale, welche die Erinnerung an die vergangenen Ereignisse bewahren und vermitteln sowie jenen die Ehre erweisen sollen, die diese erlebt haben, und ihnen einen Sinn geben sollen. Daher dienen der Raum und die Landschaft rundherum dem „Speichern“ der Geschichte, der gedacht wird.

Corps 1

Die Landschaft der heutigen Schlachtfelder stellt für den gedenkenden Staat, der seit den 1970er-Jahren einem zunehmenden Kommunikationsdruck unterliegt, durch den sich die zeremonielle Ordnung schnell verändert, eine echte Herausforderung dar. Denn einem Ablauf entsprechend, der nach dem Ersten Weltkrieg mit neuen Gesten (Schweigeminute, Totenglocke, manchmal Entzünden einer Flamme) und klassischer mit Aufmarsch, Fahnengruß und Nationalhymne entsteht, ist das Gedenken eine Geste, die vor allem die am Tag und zur Stunde der Feier physisch anwesenden Teilnehmer - zivile und militärische Vertreter, Veteranen, Schulkinder... - in einem gemeinsamen Gefühl und einer gemeinsamen Pflicht vereint.

 

Aber mit der Entwicklung von Live-Übertragungen im Fernsehen - und jetzt mit jenen der neuen Medien - hat sich die Dimension des Schauplatzes des Gedenkens verändert: er befindet sich dort, wo die Feierlichkeit stattfindet und wird gleichzeitig über zahllose Bildschirme verteilt, für die das Gedenken mittlerweile entworfen wird, um es zum Ereignis zu machen. Denn wie soll man mit visuellen Mitteln über Schlachtenlärm berichten, wenn dieser verstummt ist? Wie soll man ein Ritual, das sich Jahr für Jahr, Jahrzehnt für Jahrzehnt wiederholt, zu einem Erlebnis machen? Natürlich gibt es genug Spuren: Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg an den Stränden der Normandie, die ins Kulturerbe aufgenommenen Schützengräben des Ersten Weltkriegs, die Ruinen von Oradour-sur-Glane... Besonders sichtbare Spuren sind die Militärfriedhöfe oder Gedenkstätten wie das Beinhaus von Douaumont, der Friedhof von Notre-Dame-de-Lorette und sein Ring der Erinnerung, die Gedenkstätte von Caen oder auch die vielen Grabsteine, die vor Ort errichtet wurden. Aber diese sprechen nicht für sich selbst und können ganz unterschiedliche Botschaften vermitteln.

 

Daher versucht die Szenografie des Staates diese mit Spuren übersäte Leere zu nutzen, um das Gedenken zu verstärken, ihm die Größe zu geben, die es verdient und den Feierlichkeiten einen Sinn zu geben. In diesem Zusammenhang scheinen mir drei wesentliche Entwicklungen besonders bedeutend zu sein: die Inszenierung der Feierlichkeiten, die zu Fernsehereignissen werden, das zunehmende Beharren auf der Versöhnung und schließlich der Platz der Veteranen in diesen Feiern.

 

DAS WAR HIER, DAS GESCHAH DORT“

 

Wer schon einmal Kinder oder Jugendliche an einen Ort begleitet hat, an dem sich ein Drama der Geschichte abgespielt hat, weiß das: die Orte sprechen nicht für sich selbst. Man sieht und spürt dort nur das, wozu man bereit ist und was man zu sehen und zu spüren gelernt hat. Daraus entsteht manchmal - selbst für die Erfahrensten - eine Enttäuschung angesichts eines Publikums, das für die tragischen Aspekte dieser Orte, an denen Männer massenhaft den Tod fanden, wenig sensibel ist und für das ein Ausflug eine Gelegenheit ist, dem monotonen Schulalltag und manchen seiner Regeln zu entkommen. Um das zu erfassen, was „dort“ passiert ist, braucht es eine lange Vorbereitungsphase und die Vermittlung von Erklärungen durch Lehrer, Zeitzeugen, Fremdenführer...

 

Dasselbe gilt für öffentliche Feiern. Vor Ort sind die Redner, die den Rahmen abstecken, an die Handlung erinnern und daraus die Lehren ziehen. Bei Übertragungen wird die Botschaft von den Kommentatoren - Journalisten, Militärangehörigen, Historikern, manchmal Zeitzeugen - verstärkt, unabhängig davon, ob sie physisch bei der Feier anwesend sind oder sich im Studio befinden. Es sei angemerkt, dass man von ihnen nicht nur erwartet, dass sie den Zuschauer über den Ablauf der Schlacht, welcher gedacht wird, über ihre Stellung im Konflikt und ihre Höhepunkte aufklären, sondern auch die Feier selbst erläutern und ihre Rituale verdeutlichen.

 

DIE INSZENIERUNG

 

Der Gedenkzyklus der Landung in der Normandie eignet sich gut als roter Faden, um die erste Veränderung der Feierlichkeiten zu erkennen, die in den letzten drei Jahrzehnten stattgefunden hat.

 

Bis 1984 wurde die Gedenkfeier für den „D-Day“ an den Stränden der Normandie ziemlich knapp gehalten. In den 50er-Jahren berichten die französischen Nachrichten über die jährlichen Feierlichkeiten, bei denen Bewohner, eine Militärabordnung, Vertreter der Präfektur und manchmal ein Minister rund um ein Denkmal und eine Flagge zusammenkommen, also ein sehr schlichtes Ritual. Die Übertragung wird damals zumeist von einigen Bildern begleitet, die an die Kämpfe erinnern.

 

Am Rande der Zeremonie selbst findet 1964 mit der Sonderausgabe von Cinq colonnes à la Une eine erste Veränderung statt. Dabei kommen erstmals Zeitzeugen zu Wort, darunter Major Pluskat, der eine der deutschen Verteidigungsanlagen leitete und durch den Film Der längste Tag berühmt wurde. Die Feierlichkeiten bleiben jedoch begrenzt, denn General de Gaulle, der nicht vergessen hat, dass er die Nachricht von der Landung verspätet erhalten hatte, besucht sie nicht und gedenkt lieber der Landung in der Provence Am 6. Juni 1974 fanden die Feierlichkeiten ebenfalls ohne Valéry Giscard d’Estaing statt, und zwar sowohl am amerikanischen Friedhof von Colleville als auch in Sainte-Mère-Église im Beisein amerikanischer Veteranen. Neben den Bildern der verschiedenen Feiern überträgt das Fernsehen auch nachgestellte Aufnahmen der Landung der Rangers an der Pointe du Hoc.

 

Scène finale lors de la cérémonie internationale du 70e anniversaire du débarquement de Normandie, Ouistreham, 6 juin 2014. © M. Denniel/ECPAD/Défense

Abschlussszene der internationalen Feier zum 70. Jahrestag der Landung in der Normandie, Ouistreham, 6. Juni 2014. © M. Denniel/ECPAD/Verteidigung

 

Valéry Giscard d’Estaing begibt sich außerhalb des Gedenkkalenders am 5. Januar 1978 mit Jimmy Carter an die Strände der Normandie. Die beiden Männer werden dabei „allein vor dem Grab“ von Omaha Beach gefilmt, als sie „diese heute so liebliche, aber einst so gequälte Landschaft“ betrachten (Patrick Poivre d’Arvor, A2).

 

Die Szene ändert sich 1984. Erstmals lädt Frankreich alle kriegführenden Parteien ein - die Deutschen entscheiden sich, wie zehn Jahre später, nicht dabei zu sein. Am Strand von Utah Beach wird eine riesige Tribüne errichtet. Mehrere Militärabordnungen marschieren an den Ehrengästen vorbei, bevor François Mitterrand das Wort ergreift. Diese Feier ist die wichtigste einer Reihe anderer, wie zum Beispiel jener am amerikanischen Friedhof von Colleville, wo Ronald Reagan spricht. Auf diese Weise bieten die Strände der Normandie Frankreich eine Gelegenheit, seinen Platz unter den Siegern des Zweiten Weltkriegs und seine führende Rolle beim Aufbau der Europäischen Union zu behaupten. 1994 findet die Hauptzeremonie am Omaha Beach statt. Dabei kommen Militärabordnungen in Landungsschiffen an den Strand, um an jene zu erinnern, die am 6. Juni 1944 am selben Ort ankamen, aber diesmal ohne Nachahmung eines Kampfes.

 

2004 und 2014 ändert sich die Art der Hauptzeremonie. Sie war Anlass für ein echtes Live-Event, das mit jeder analogen Logik brach, wie jene, die 1974 an der Pointe du Hoc am Werk war. 2004 findet am Strand auf einer asphaltierten Fläche gegenüber der Gästetribüne mit verantwortlichen Politikern und Veteranen, hinter großen Leinwänden, die Archivbilder zeigen, eine Choreografie statt, in der die Kämpfe, Schmerzen und Hoffnungen der Bevölkerung während des Zweiten Weltkriegs gezeigt werden. 2014 findet die Hauptzeremonie am Sword Beach statt. Diese fällt sehr didaktisch aus und versucht, die Erinnerung und Hoffnung zum Ausdruck zu bringen. Die Erinnerung an den Krieg, die Besatzung, den Widerstand, die Landung und den wiedergewonnenen Frieden - der von der UNO und dem europäischen Aufbauwerk garantiert wird - wird von Tänzern zum Ausdruck gebracht, die sich auf einer am Strand ausgebreiteten Erdkarte bewegen, begleitet von Auszügen aus Archivbildern und Filmen jener Zeit, die auf riesige Leinwände zwischen den Monolithen, die den Atlantikwall darstellen, projiziert werden. Eine Stimme aus dem Off berichtet über den Krieg. Diese erweist allen alliierten Truppen die Ehre und erinnert auch an die Ostfront und die Rote Armee sowie die Kämpfe im Pazifik, während sie gleichzeitig den französischen und deutschen zivilen Opfern der Bombardierungen durch die Alliierten Platz einräumt (Dresden und Köln werden genannt). An die Landung wird durch langsame Bewegungen der Statisten zur Melodie aus Purcells King Arthur „Let me freeze again to death“ erinnert. Am Ende werden Platten, auf denen die Betonblöcke der militärischen Bauten dargestellt sind, umgedreht, um die Sterne des europäischen Emblems zu formen.

 

Bei diesem kurzen Rundgang sieht man, dass die Landschaft der Schlacht - die Strände der Normandie - herangezogen wird, um an den gesamten Konflikt zu erinnern, dessen letzte Konsequenz der Aufbau eines vereinten Europas ist. Dieses Zurückgreifen auf die Allegorie und die Live-Darbietung ist nicht einzigartig. Es zeigt sich schon 1989 bei der Erinnerung an die Schlacht von Valmy und auch wieder 2016 in der Szenografie der Feierlichkeiten vom 30. Mai in Douaumont, die dem deutschen Filmemacher Volker Schlöndorff übertragen wurde. Diese Entwicklung kennzeichnet zweifelsohne das Tabu der Nachstellung in der szenografischen Kultur des französischen Staates für alle Episoden der modernen Zeitgeschichte, im Gegensatz zur angelsächsischen Kultur des reenactment, für das die Gedenkfeiern 1981 anlässlich der 200-Jahrfeier der Schlacht von Yorktown vor einem internationalen Publikum ein Beispiel sind. Sie führt zu einer Ästhetisierung der Feier, die sie zu einem fernsehtauglichen Objekt macht und nicht mehr die Anwesenheit als notwendige Bedingung für emotionale Empfindungen erfordert.

 

Le chancelier allemand Helmut Kohl et le président français François Mitterrand lors de la commémoration

Der deutsche Kanzler Helmut Kohl und der französische Präsident François Mitterrand bei der Gedenkfeier

am Beinhaus von Douaumont (Verdun), 22. September 1984. © Rue des Archives

 

VERSÖHNUNGSFEIERN

 

Die zweite große Entwicklung der Gedenkfeiern der Konflikte seit 1914 ist jener der Versöhnungsfeiern. An jenen Orten, an denen sich die Soldaten gegenüber standen, werden heute Frieden und Freundschaft zelebriert. Diese Feiern betreffen vor allem die deutsch-französischen Konflikte, werden aber durch den Begriff des „gemeinsamen Gedenkens“ immer allgemeiner. Dieser wurde vom Sekretariat der Veteranen 1997 initiiert und von Präsident Chirac übernommen. Das Vorbild dafür ist natürlich die Zeremonie vom 22. September 1984 in Douaumont, als Helmut Kohl und François Mitterrand gemeinsam auftraten und sich an den Soldatengräbern spontan die Hand reichten. Diese sehr nüchterne Feier, die man als Feier des Kummers bezeichnen könnte, findet statt, nachdem es der Kanzler abgelehnt hatte, am 6. Juni an die Landungsstrände zu kommen. Sie sollte bedeuten, dass die Versöhnung wirklich stattfand. Konrad Adenauer hatte General de Gaulle, der dazu geschwiegen hatte, diese Versöhnung vorgeschlagen - ohne dass wir wissen, ob die Akteure des Jahres 1984 davon Kenntnis hatten. Das, was für Charles de Gaulle noch undenkbar war, wird schrittweise ab 1984 ein wiederkehrendes Motiv der Gedenkfeiern für die beiden Kriege. So ergreifen Jacques Chirac und Gerhard Schröder am 6. Juni 2004 abwechselnd an der Gedenkstätte des Friedens von Caen das Wort, François Hollande und Angela Merkel tun es ihnen 2016 in Verdun nach; François Hollande und Joachim Gauck, Präsident der Bundesrepublik Deutschland, finden sich am 4. September 2013 auch in Oradour-sur-Glane und am 3. August 2014 in Hartmannswillerkopf ein. Dieser Wille zum Aufbau einer gemeinsamen Erinnerung an den Konflikt kommt auch in der Monumentalität zum Ausdruck. So ist der Ring der Erinnerung von Notre-Dame-de-Lorette, der 2014 eingeweiht wurde, mit den Namen von über 600.000 Soldaten bedruckt, die in diesem Frontabschnitt gefallen sind, unabhängig von ihrer Nationalität. Damit wird dieser Nationalfriedhof zu einem „transnationalen“ Friedhof.

 

Der Ring der Erinnerung, Internationale Gedenkstätte von Notre-Dame-de-Lorette, eingeweiht am 11. November 2014. © J. Salles / ECPAD / Verteidigung

 

 

Diese wichtige Veränderung - man feiert nicht mehr nur den Mut der französischen Soldaten, sondern eine endgültige Versöhnung - erklärt zweifelsohne auch den Einsatz der Allegorie in der Szenografie der Feierlichkeiten anstatt einer Nachstellung, die nicht nur lächerlich erscheinen würde, sondern auch den neuen Sinn, der den Feiern gegeben wurde, nicht bestärken könnte.

 

DER STEIGENDE STELLENWERT DER VETERANEN

 

Diese Entwicklung führt zu einer dritten: der Platz, der den Veteranen zukommt. Seit dem Ersten Weltkrieg sind sie ein wichtiger Bestandteil der Gedenkfeiern. Unter ihrem Druck wurde das Gedenken am 11. November eingeführt und haben alle Gemeinden Frankreichs ein Kriegerdenkmal errichtet. Dennoch wurden sie im Laufe der Jahre immer mehr zu bevorzugten Zuschauern als echten Akteuren. Dies ist auf die Tatsache zurückzuführen, dass der Krieg lange „von oben betrachtet“ wurde. Von den 1960er-Jahren bis heute wird den Veteranen in offiziellen Reden ein zunehmender Stellenwert eingeräumt. Natürlich ist dieser Perspektivenwechsel auch auf eine Veränderung der Empfindungen zurückzuführen, die sich sowohl in der Geschichtsschreibung als auch im Kino auswirkt, wo Der Soldat James Ryan (1998) auf Der längste Tag (1962) folgt. Diese Vermenschlichung beschränkt sich nicht auf die Soldaten, sie erstreckt sich auch auf die Zivilbevölkerung.

 

Der Übergang von einem Krieg aus Sicht der Generalstäbe zu einem „von unten betrachteten“ Krieg mit den Schützengräben des Ersten Weltkriegs oder den Landungsstränden verändert den Stellenwert der Veteranen in der Feierökonomie. 1994 fordert Bill Clinton sie auf sich zu erheben, auf dass sie die für sie gespielte amerikanische Hymne hören. 2004 bringen ihnen die Protagonisten der Vorführung Blumen auf die Tribünen, auf denen sie sitzen.

Cérémonie du 70e anniversaire du débarquement de Provence à bord du porte-avions Charles de Gaulle,

Feier zum 70. Jahrestag der Landung in der Provence an Bord des Flugzeugträgers Charles de Gaulle,

im Beisein von Veteranen, an der Küste vor Toulon, 15. August 2014. © R. Senoussi/DICOD

 

2014 ist der emotionalste Augenblick der Darbietung am Strand jener, in dem die Leinwände anstelle von Nachrichtenbildern der Zeit von 1940-1946 Bilder der Veteranen zeigen, die sich auf den Tribünen befinden. Die Abordnung der Militärmusik spielt dann „Aux morts“, gefolgt von einer Schweigeminute und einer Reihe von Explosionen, die an den Krieg erinnern, bevor die Statisten mehrmals die Worte „Nie wieder“ sagen. Etwa zehn Minuten später nehmen unter dem Applaus der Staatschefs und des Publikums einige Veteranen, die von Kindern begleitet werden, auf der Bühne Platz. Zwei davon sind der Franzose Léon Gautier, Mitglied des Kieffer-Kommandos, und der Deutsche Johannes Börner, Fallschirmjäger des 2. Luftwaffenkorps. Auf der Leinwand erscheinen Fotos dieser beiden Männer aus der Zeit des früheren Geschehens und die beiden alten Männer umarmen einander. Die Ode an die Freude erklingt, Flugzeuge zeichnen eine riesige Trikolore in den Himmel und an den Stellen, an denen früher Rauch und Explosionen durch die heftigen Gefechte entstanden, steigt heute bunter Rauch als Zeichen der Hoffnung und Freude auf. Stürmischer Applaus erschallt. Die Ehrung der Veteranen wurde zum Mittelpunkt der Feier.

 

Léon Gautier, ancien du commando Kieffer, et Johannes Börner, ancien soldat allemand,

Léon Gautier, ehemaliger Angehöriger des Kieffer-Kommandos, und Johannes Börner, ehemaliger deutscher Soldat,

bei der internationalen Feier zum 70. Jahrestag der Landung in der Normandie. © P. Villebeuf/Le Parisien/MAXPPP

 

Die hier gezeigten Merkmale finden sich nicht nur bei Feierlichkeiten, die sich an den Orten abspielen, die Zeugen der Kämpfe waren. Die Inszenierung und der Einsatz von Künstlern in der Live-Darbietung durchdringen das ganze zeitgenössische Gedenken, das sich vor Ort oder woanders abspielt, auch wenn der Raum der Schlachtfelder zweifelsohne besser als das städtische Umfeld für ihre Entfaltung geeignet ist. Wie jedes Gedenken wird auch jenes, das an den Orten der Schlacht stattfindet, von der Gegenwart gesteuert. Der Sinn, den man ihm gibt, war verschieden, von der Verherrlichung des Wertes der französischen Armee bis zur Integration der kriegerischen Gewalt in eine zukunftsorientierte europäische Geschichte, die dem „Nie wieder“ der ersten Gedenkfeiern zum Ersten Weltkrieg einen positiven Inhalt gibt.

 

In diesem Rahmen scheint die Zeremonie, die weitestgehend rund um militärische Rituale aufgebaut ist, von dem für die Medien konstruierten Ereignis absorbiert zu werden, selbst wenn sie manchmal Reaktionen hervorruft. Diese stellen letzten Endes die Frage nach unserer Abwägung mit dem Geheiligten. Was kann man auf einem Schlachtfeld machen? Was verletzt den Respekt vor den Toten? Die Antwort ist je nach Empfindungen und Traditionen verschieden, aber immerhin von einem strukturellen Widerspruch zwischen dem feierlichen Ritual gekennzeichnet, das sich in der Wiederholung derselben Gesten ausdrückt, und seiner „Eventisierung“, die genau darauf beruht, etwas Neues zu erzeugen.