«Allons enfants de la patrie»

Sous-titre
Das Volk und Das Marseillaise

Laurent Martino - « Allons enfants de la patrie » - Le peuple et La Marseillaise

Von Laurent Martino

Doktor der Geschichte, Universität Lorraine

Professor für Geschichte und Geografie, Akademie Nancy-Metz

Corps 1

            Der erste Vers der Marseillaise richtet sich an das Volk. Unter Volk versteht man die eine Nation bildenden Franzosen. Wie haben die „enfants de la patrie“ (Kinder des Vaterlands) die Marseillaise eingesetzt? Wie hat sich das Volk dieses Revolutionsliedes angenommen, das zur Nationalhymne wurde? Es hat sie geliebt, manchmal kritisiert. Es hat sie sich im Laufe der verschiedenen Zeiten der Geschichte zu eigen gemacht. Das Volk der Franzosen hat sie dem Augenblick angepasst, aus ihr eine Hymne der Freiheit, der Gleichheit, der Brüderlichkeit und der Republik gemacht und dort die Werte und Symbole gefunden, die es brauchte. Die Marseillaise ist ein Spiegel der Geschichte geworden, eine Quelle zum Verständnis der gesellschaftlichen Entwicklung. Jede Version, jede Interpretation will ihrer Epoche etwas sagen. Dieser Artikel ist nicht umfassend, wir beschäftigen uns nur mit einigen bedeutsamen Beispielen.

 

Mitten in der Revolution: das Kriegslied der Rheinarmee

 

             Als Claude Rouget de Lisle die Marseillaise in der Nacht vom 25. auf den 26. April 1792 in Straßburg schreibt, hat die Nationalversammlung gerade am 20. April Österreich den Krieg erklärt. Es handelt sich also um ein Kriegslied, das ganz und gar patriotisch ist. Das Lied beginnt mit dem Ausdruck „Allons enfants de la patrie“ (Auf, Kinder des Vaterlands) und bezieht sich auf die freiwilligen Teilnehmer. Für die Revolutionäre nämlich ist der Appell an die freiwilligen Bürger und das Volk notwendig, um den an die Grenzen eilenden Feind zurückzudrängen. Zum ersten Mal wird die Armee nicht von den Adeligen angeführt, denn sie ist volksnah und gleichberechtigt.

Von Straßburg aus gelangt dieses Lied in den Süden Frankreichs. François Mireur, Delegierter des Clubs der Freunde der Verfassung, der gekommen ist, um die Abreise der Freiwilligen aus dem Midi zur Front zu koordinieren, singt in Marseille während eines Banketts dieses Lied[1]. Angesichts des Erfolgs veröffentlicht er es und die Truppen der Marseiller Föderierten nehmen es als Marschlied. Sie verbreiten es auf ihrem langen Weg durch das Land. Sie singen es bei ihrem triumphalen Einzug am 30. Juli 1792 in die Tuilerien in Paris. Da es von den Marseiller Föderierten gesungen wird, tauft die Pariser Menge es sofort und ohne sich um seine verschiedenen Namen zu kümmern, auf den Namen L’hymne des Marseillais (Hymne der Marseiller). Zur Vereinfachung wurde es dann schnell zur Marseillaise Dieser Titel besitzt neben seiner Einfachheit auch den Vorteil, die Einheit der Nation von Straßburg bis Marseille, vom Osten bis in den Süden zu kennzeichnen.

 

 

Partitur der Marseillaise. Radierung der Musik und des Textes der Marseillaise,
von William Holland, London, 50 Oxford Street, 10. November 1792.

 

 

 

Während der Französischen Revolution entwickeln sich bürgerliche Feiern, die den Zusammenhalt der Bevölkerung rund um die neuen Werte festigen sollen. Die Französische Revolution bringt die Musik zurück auf die Straße. Die Musik verlässt die geschlossenen Räume und wird ein Werkzeug der engen Verbindung des Volkes mit der Ideologie der Revolution. Mit den Feiern im Freien können die Organisatoren die nationale Einheit in Szene setzen[2]. Vorbild hierfür ist das Föderationsfest. Am 14. Juli 1790 paradieren in Paris Vertreter der Nationalgarden des ganzen Landes auf dem Marsfeld. Es wird eine Messe gefeiert und ein Eid auf die nationale Einheit abgelegt. Der große Organisator der Revolutionsfeiern, Bernard Sarrette, hat sehr wohl verstanden, wie er im Le journal de Paris am 22. November 1793 schrieb, dass „es keine Republik ohne Nationalfeiern, keine Nationalfeiern ohne Musik“ geben kann. Anlässlich dieser Feiern wird die Marseillaise gespielt, um sie in der Bevölkerung bekanntzumachen und über sie die Ideen des neuen Regimes zu verbreiten: die Freiheit, die Gleichheit, den Kampf gegen den Absolutismus. Das Lied umfasst 7 Strophen, die diese neuen Werte entwickeln.

 

Diese gottesdienstähnlichen Feiern benötigen Musiker. Der Einsatz von Blasinstrumenten erklärt sich gleich aus zwei Gründen, nämlich funktionalen und akustischen. Mit den Blasinstrumenten kann die Musik einer großen Menschenmenge zu Gehör gebracht werden, da Kupfer eine vielen anderen Instrumenten überlegene Schallleistung besitzt. Die Bläserensembles stellen außerdem eine soziale Alternative zur elitären Instrumentalpraxis des Ancien Régime dar, wo die Streichinstrumente und das Cembalo den ersten Platz einnahmen. Sie drücken vollkommen den Ehrgeiz aus, eine Musik vom Volk für das Volk zu spielen. Währenddessen sind die Revolutionsfeiern von Ordnung, militärischem Erscheinungsbild und Organisation gekennzeichnet. Sie finden keinesfalls spontan statt und das Volk beteiligt sich letztendlich nur wenig. Es ist lieber Zuschauer. Entgegen dem Bild einer Zeit großer Erneuerung, die die Revolution symbolisiert, bleiben die Feiern vom religiösen Modell durchdrungen, bei dem die Prozessionsform eben dieses sakralen Charakters beraubt wird. Sie leihen sich ebenfalls viel aus den traditionellen Feierlichkeiten. Mona Ozouf fasst zusammen: „Es ist diese Mischung, die für das tatsächlich Neue der Föderation gehalten werden muss. Sicherlich nicht die Erfindung einer noch nie dagewesenen Zeremonie, sondern die Vermischung unterschiedlicher Elemente. Ein verbaler und visueller Synkretismus[3]. »

 

Die Darbietung dieser Hymnen, darunter die Marseillaise aber auch das Chant du départ (Das Lied des Aufbruchs, Text von Chénier und Musik von Méhul) oder L’hymne à la Liberté (Die Hymne an die Freiheit, Text von Rouget de Lisle und Musik von I. Pleyel), unter freiem Himmel mit Chören und zahlreichen Musikern erzeugen bei den Zuschauern starke Gefühle. Das Regime hofft, die Ideen der Revolution durch diese spektakulären Inszenierungen, bei denen vor allem die Musik und die Worte dieses Liedes wie ein Propagandawerkzeug benutzt werden, zu festigen. Sie hoffen auch darauf, dass Chöre dieses Lied aufgreifen und damit die Massen mobilisieren. Diese lautstarke Masse muss die enge Verbindung herstellen können. Die Marseillaise vereint das singende Volk zu einer einzigen Stimme der Nation. Die Kraft der Worte macht sich an der Einfachheit des Wortgutes fest, das von allen verstanden wird und von allen verstanden werden will, „und an diesem kraftvollen, rhythmischen Element, das das Zusammenwirken der Musik mit dem Vers ergibt[4]. » Es ist natürlich möglich, dass dieses singende Volk nicht alles versteht, aber es war gewohnt, Hymnen auf Latein zu singen und sich daher mit einer Ahnung des allgemeinen Sinns anstelle des wortwörtlichen Verständnisses zu begnügen[5].

 

Der Aufbau der Marseillaise, sowohl die Melodie als auch die poetische Komposition, trägt viel dazu bei. Musikalisch folgt auf einen donnernden Anfang eine subtilere Melodie, bevor der kämpferische Refrain einsetzt. Für Gildas Harnois, den aktuellen Leiter des Musikkorps der Friedenswächter, „offenbart dieses Stück ein Volk, das sein Schicksal in der Hand hat. Es symbolisiert den Geist der Revolution und der Länder, die sich aufgelehnt haben, oder auch den Geist des Widerstands beispielsweise[6]. » " Der Rhythmus wird von den poetischen und pädagogischen Wiederholungen des Textes unterstützt. Jeder der sieben Strophen folgt derselbe Refrain. Innerhalb des Refrains, der ein Aufruf zur Mobilisierung ist, wird das Verb „marschieren“ in der zweiten Person Plural zweimal wiederholt. Gleiches gilt für die Strophen; jeder dritte Vers wird wiederholt. Bestimmte Wörter oder Themen kommen immer wieder: Vaterland, Freiheit, Blut, Brüderlichkeit, Waffen, Krieg, Despotismus usw. Der Gebrauch des Imperativs, dessen Form kürzer ist, da kein Pronomen verwendet wird, „regt zur Handlung an, sowohl durch diese aussagekräftige Wirksamkeit als auch durch den zugrundeliegenden Sinn.  [7]» Das ganze Lied dient der Mobilisierung des Volkes.

Die Marseillaise wird am 14. Juli 1795 zum Nationallied erklärt. Verboten während des Kaiserreichs, in dem insbesondere Veillons au salut de l'Empire (Lasst stets uns das Vaterland schirmen – Text Adrien-Simon Boy, Musik Nicolas Dalayrac) bevorzugt wurde, bleibt sie auch in der Restauration zugunsten der Hymne der französischen Monarchie Vive Henri IV (Es lebe Heinrich IV) verboten.

 

Im 19. Jahrhundert spiegelt die Darbietung der Marseillaise die nationalen Streitigkeiten wider

 

            Am 27., 28. und 29. Juli 1830 erhebt sich das Volk gegen die Monarchie. Diese Tage, auch die Julirevolution genannt, vergehen zum Klang der Marseillaise, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts immer noch das Symbol des Kampfes gegen den Absolutismus und für die Freiheit ist. Die Marseillaise wird 1830 während der konstitutionellen Monarchie unter Louis-Philippe, König der Franzosen, erneut zugelassen. In der allgemeinen Euphorie orchestriert Hector Berlioz, der große französische Komponist mit Interesse an Blasmusik, die Marseillaise für zwei Chöre und großes Orchester. Seine imposante Version voller Kraft und Energie ist für Berlioz eine Hommage an das Volk und eine Personifizierung der Masse des sich erhebenden Volkes. Für ihn muss die Marseillaise von „allen, die eine Stimme, ein Herz und Blut in den Adern haben“, gesungen werden. "

 

Schon sehr bald von der Julimonarchie wieder abgelehnt, ist die Marseillaise nicht mehr willkommen.

 

            Die Marseillaise ist aufgrund ihrer ständigen Aufführung im Freien unbestreitbar mit Blasmusik und Musikkapellen verbunden. Im 19. Jahrhundert wohnt man der Geburt der Sängerbewegung, der Choräle und dann der Blasmusikkapellen bei, deren Instrumente von Amateuren gespielt werden. Es ist eine demokratische Musik, nämlich die des Volkes. Guillaume Louis Bocquillon, genannt Wilhem (1781-1842), entwickelt Anfang der 1820er Jahre das Üben in Gesangsgruppen. Eine Gruppe liberaler Bürger, Mitglied der Gesellschaft für Elementarunterricht, möchte, dass in den Pariser Grundschulen Musik und hauptsächlich Singen unterrichtet werden. Man betraut ihn mit dieser Aufgabe[8]1833 veröffentlicht Wilhem eine Sammlung mit Chormusik unter dem Titel Orphéon, dem Namen, den er seinem 1836 gegründeten Chor gibt. Er schart die Kinder um sich und schon bald schließen sich Pariser Erwachsene an. Ab 1848 unternimmt Eugène Delaporte (1818-1886) Reisen durch ganz Frankreich zur Unterstützung dieser Chorgesellschaften, die man nun auf Französisch „Orphéans“, zu Deutsch „Gesangsvereine“[9] nennt, in Gedenken an Orpheus, den Helden der griechischen Mythologie. Die Gründer der ersten Gesangsvereine wollen die Kunstmusik demokratisieren und sie allgemein beliebt machen. Die Gründer verfolgen also ein doppeltes Ziel: künstlerisch und pädagogisch; sie wollen Musiker ausbilden sowie das Volk unterrichten und Bürger ausbilden. Nach und nach vollzieht sich der Übergang vom vokalen Gesangsverein zum instrumentalen Gesangsverein. Ab 1850 gibt es eine starke Entwicklung von Instrumentalgruppen, die ab den 1880er Jahren die Chöre zahlenmäßig verdrängen.

 

Die Marseillaise zu spielen, bedeutet, sich auf die Revolution zu berufen und die republikanischen Ideen zu bejahen. Unter dem Zweiten Kaiserreich gilt der Chor von Annecy als anfällig für republikanische Ideen und ihm wird Einsatz für die Rückkehr der Republik vorgeworfen. 1864 führt diese Chorgesellschaft bei einem Wettbewerb in Lyon eine Version der Marseillaise[10]auf.

 

Unter dem Zweiten Kaiserreich lässt Napoleon III dieses Lied „als Brutstätte der Revolution“ verbieten. " In den 1870er Jahren wird die Marseillaise vom Volk anlässlich der Pariser Kommune gesungen und sie erobert sich nachhaltig die Straßen und Bankette zurück, Symbol der republikanischen Gesinnung und Erinnerung an die Vergeltung an den Deutschen, die Elsass-Lothringen annektiert haben.

 

Ab 1875 gewinnen die republikanischen Ideen das Land für sich. Mit Mehrheiten seit 1879 in den Stadträten und im Senat gehört die Republik den Republikanern. Im selben Jahr wird Jules Grévy der erste Präsident der Republik mit republikanischer Gesinnung.

 

Die Marseillaise zu singen und zu spielen, ist nicht ungefährlich. Am 14. Februar 1879 wird sie die offizielle Hymne. Die Dritte Republik zeigt, dass sie ihrerseits das Erbe der Revolution von 1789 und der Ersten Republik aufgreift und annimmt. Aber wie die republikanische Republik sich ohne Triumph durchsetzt, wird die Marseillaise fast wie ein Lippenbekenntnis zur französischen Hymne.

 

In den 1880er Jahren verpflichtet der Staat die örtlichen Behörden, zum Verbreiten der Werte der Republik Nationalfeiern zu organisieren und zu finanzieren[11].

 

Die Französische Revolution hat die Rolle der Instrumentalgruppen für die Inszenierung der Nation und des Patriotismus bei den bürgerlichen Feiern, die immer noch im Freien stattfinden, unerlässlich werden lassen. Sie ist eine praktische, weil klangvolle und mobile Musik. Der Einsatz von Blaskapellen dient bei republikanischen Feiern nicht nur als Mittel der Dekoration. Die von diesen Musikern verfeinerten Melodien erzeugen Erinnerungen, Botschaften, bekunden die republikanische Propaganda. Bei der Verbreitung der republikanischen Ideen spielt die Musik die Rolle des Schlichters. In ihrer universellen Sprache spricht sie zu jedem und löst Emotionen aus[12]. Ganz allgemein können die Hymnen und die patriotischen Refrains, unterstützt von den Instrumenten der Blaskapellen, zu Herzen gehen. Sie vergegenständlichen die Gemeinschaft der Bürger. Es ist übrigens interessant, das Zusammentreffen der Gründung der Gesangsvereine mit der Idee einer Staatsnation festzustellen und wie die eine sich auf die andere stützt. Jeder kann beitreten, die Texte aufnehmen und damit den Ideen zustimmen, die über Musikstücke weitergetragen werden. Die Musik eint, ohne zu trennen. Für den Musikwissenschaftler und Komponisten Julien Tiersot ist die Musik die einzige aller Künste, die das doppelte Ziel der Nationalfeiern erfüllt: " Sie trägt zu ihrem äußeren Glanz bei und weiß gleichzeitig der tiefen Überzeugung Ausdruck zu verleihen[13]. » Rousseau, der Theoretiker der republikanischen Stadt, hat seine politischen Reflektionen auf die Ausdruckskraft der Musik ausgedehnt. In seinem Écrits sur la musique unterstreicht er die Bedeutung der Melodie im Vergleich zur Harmonie für den Erfolg der festlichen Versammlungen. Die Melodie geht in den Kopf des Zuhörers/Zuschauers, der sie aufnehmen kann und so zum Zuhörer-Zuschauer-Teilnehmer wird. Zahlreiche Fachleute teilen immer noch diese Schlussfolgerung. Die Massenwirkung, die großen Versammlungen begünstigen einen direkten Bezug der Gemeinschaft mit sich selbst. Daher spielen die Musikgesellschaften eine wichtige Rolle. Das nationale Festival der Gesangsvereine findet am 14. Juli 1878 in den Tuilerien mit zweihunderttausend Zuhörern und über siebenhundert Chören und Instrumentalgruppen statt. Die Veranstaltung endet mit dem Singen der Marseillaise unter Beteiligung aller anwesenden Formationen[14].

 

Die Blaskapelle hat aufgrund ihrer Rolle der Mobilisierung, des Antriebs der Schaulustigen, der Führung bei der Feier eine wichtige Kontrollfunktion. So begleitet die Blaskapelle in den Städten und Dörfern immer die Fackelzüge am Vorabend des 14. Juli, der 1880 zum Nationalfeiertag erklärt wurde, Im Rahmen dieser Bürgerfeiern tragen die Blaskapellen zur Politisierung der Massen bei. Sie sind ein Mittler, der es ermöglicht, die Bevölkerung pädagogisch zu beeinflussen und die enge Bindung an das Regime zu verstärken. Sie spielen eine Rolle bei der Annahme der republikanischen Ideen. Die Marseillaise wird am Ende eines Balls oder eines Feuerwerks gespielt oder zum Abschluss der Ansprache des Bürgermeisters. Die im Chor gesungene Marseillaise erzeugt einen Augenblick intensiver Gefühle[15].

 

 

Die Blaskapelle, Raoul Dufy Öl auf Karton, 40 x 40,5 cm, 1951
Museum der modernen Kunst André Malraux, Le Havre.

 

 

 

            Die Marseillaise ist Mittelpunkt der Debatten der damaligen Zeit, insbesondere bei der Auseinandersetzung zwischen Monarchisten und Republikanern und zwischen der Kirche und den Verfechtern des Laizismus. Sie wird nicht sofort von allen anerkannt.

In der Vendée, dem bis 1893 mehrheitlich legitimistischen Département, kristallisiert sich die Frage nach der engen Verbindung mit dem republikanischen Regime sowohl um die Symbole als auch um deren Werte heraus. Die Marseillaise erinnert zu stark an die Revolution und bei den Verfechtern der Monarchie ruft ihr Klang schlechte Erinnerungen hervor. Während die philharmonische Gesellschaft von Roche-sur-Yon von finanzieller Unterstützung seitens des Generalrates seit 1873 profitiert hat, wird ihr diese im Jahr 1878 gestrichen, genau wie den Gesangsvereinen von Fontenay-le-Comte, Sables-d'Olonne, Luçon und Île-d’Elle. Zur ihrer Rechtfertigung berufen sich die gewählten Départementvertreter darauf, dass die Gesangsvereine dieMarseillaise, ein Revolutionslied, in ihr Repertoire aufgenommen haben, wie Herr Bourgeois 1879 erklärt:

            „Solange dieses Lied nicht nur an den Marsch unserer Soldaten gegen den Feind erinnert, sondern auch an den grausamen Tod Unschuldiger, die von der Revolution gefoltert wurden, werde ich nicht für ein Musikkorps stimmen, der dieses Lied zu Gehör bringt. […] Hätte man die Marseillaise an der Grenze gesungen, könnte ich nur applaudieren; aber hier geht es um Kollegen, deren Eltern guillotiniert wurden – und das zum Klang der Marseillaise. Warum will man diese schaurigen Erinnerungen nicht verdrängen? Gibt es hier unter uns, in unserer geliebten Vendée, nicht genug Zwietracht? Und wäre es nicht an der Zeit, auf all diese Demonstrationen zu verzichten, deren Ergebnis darin besteht, den zwischen den Bürgern bereits vorhandenen Graben zu vergrößern? Die ostentativ gesungene Marseillaise ist eine Provokation und darum sind wir der Meinung, dass wir im Namen unserer Mandanten dagegen protestieren müssen.“  [16]

 

Ebenso wird die Wahl der Teilnahme der Musikgesellschaften an den Republikfeiern von den Monarchisten als ein Zeichen der engen Verbindung mit dem republikanischen Regime betrachtet. 1884 zahlt die philharmonische Gesellschaft von Luçon den Preis für die politisch-religiösen Spannungen in der Vendée. Ihr wird die bis dahin gewährte jährliche Zuwendung des Generalrates der Vendée in Höhe von 250 Francs gestrichen[17],weil sie „die Marseillaise in ihrem Repertoire hat“[18]Dagegen wird die Ablehnung einiger Mitglieder an der Teilnahme bei einer offiziellen Zeremonie, bei der die Musiker die Marseillaise hätten spielen müssen, direkt als eine Stellungnahme gegen das republikanische Lager interpretiert.

 

Die Bühne der Musikgesellschaft wie auch die der Politik sieht sich durch den Graben zwischen Laizismus und Religion durchtrennt, der sich manchmal auch mit dem zwischen Republikanern und Monarchisten überschneidet. Die Musikgesellschaft steht daher vor der Entscheidung, ihr Lager wählen zu müssen. Der Klerus lehnt die Marseillaise ab, weil sie sich nicht auf Gott beruft, im Gegensatz zu zahlreichen Hymnen anderer Länder, wie dem The Star-Spangled Banner (Das sternenbesetze Banner), der Hymne der Vereinigten Staaten von Amerika. Die Monarchisten sehen darin nur das Revolutionslied, das dafür gesorgt hat, dass das Blut des Adels fließt.

 

Für die Gesangsvereine offenbart sich dies im Namenswechsel, in der Abspaltung bzw. der Neugründung von Musikgesellschaften. Die Musikgesellschaft findet sich häufig als Spielball der politischen Instrumentalisierung durch die politisch-religiösen Behörden der Kommune wieder. Sowohl als politisches Instrument als auch als Werkzeug zum Eintritt in die Politik wird die Blaskappelle selbst von den Konflikten zwischen Bürgermeister und Pfarrer im Rahmen der gemeinsamen Nutzung des öffentlichen Raums und anlässlich von Feiern berührt. Diese Macht- oder Einflusskonflikte rufen manchmal interne Auseinandersetzungen hervor, am häufigsten durch die Weigerung der ausführenden Mitglieder, auf dieser oder jener Demonstration zu spielen. Diese Kämpfe gehen über die Infragestellung der Hauptzuständigkeit: die des Bürgermeisters oder die des Pfarrers, und sie können in Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Gesellschaften münden. In Charquemont im Département Doubs teilen sich 1882 zwei rivalisierende Gesellschaften infolge des Verbots des Pfarrers, die Marseillaise zu spielen. Das Phänomen der Politisierung zeigt sich in der Spaltung des Gesangsvereins in die Philharmonie (katholisch) und die Demokratin (republikanisch). Somit stehen sich in der lokalen Tradition die „Sakralmusik“, die der „reinen“ Katholiken, und die „geistliche Musik“, die der antiklerikalen „Roten“, gegenüber[19].

 

Die Marseillaise zu singen und zu spielen, ist nicht ungefährlich. Im 19. Jahrhundert steht sie für eine Haltung zugunsten der Republik und gegen die Monarchie und den Klerus. Sie singen oder spielen zu lassen, ist auch eine pädagogische Handlung gegenüber dem Volk, damit es sich der Republik eng verbunden fühlt, die sich nach und nach festigt.

 

 

Der Erste Weltkrieg – die Marseillaise zwischen Triumph und bitterem Beigeschmack

 

            Ab 1871 und während der gesamten Annektierung bedeutet das Spielen und Singen der Marseillaise in den verlorenen Provinzen Elsass-Lothringen für die Bevölkerung, ihre französische Identität weiterhin zu bejahen. Alle Veranstaltungen bieten die Gelegenheit, an die Bindung an Frankreich zu erinnern. Die Enthüllung des französischen Denkmals in Weißenburg am 17. Oktober 1909 ist die Gelegenheit für eine frankophile, ja sogar pro-französische Demonstration, die von Auguste Spinner[20] und der Gesellschaft Souvenir Français organisiert wird. 50.000 bis 100.000 Personen versammeln sich an diesem Gedenktag für die im Krieg von 1870 gefallenen französischen Soldaten. Nach der Ansprache von Spinner wird das Denkmal enthüllt und die zahlreich erschienenen Musikkorps spielen die Marseillaise. Die Bevölkerung singt ihrerseits die französische Hymne vor den erstaunten deutschen Beamten mit.

 

          Am 31. August 1914 kündigt das deutsche Kaiserreich „die Gefahr eines Krieges“ an. Alsbald wird die Grenze geschlossen und am nächsten Tag erfolgt in Frankreich die Mobilmachung. Entgegen der populären Bildsymbolik gibt es nur wenige enthusiastische Szenen, es herrscht Zurückhaltung vor. Man konnte hier und da die Marseillaise singen, während die Bevölkerung ihre Soldaten und die Einberufenen auf dem Weg zur Front grüßte. Bei der Mobilmachung im Sommer 1914 erlebt man die Weihe der französischen Nationalhymne. Die Bevölkerung eignet sich tatsächlich die Hymne an, die gerade erst dreißig Jahre zuvor, nämlich 1879, offiziell eingeführt worden war. Die Geschichten über die Abschiedsszenen ähneln sich hier wie dort und betonen die Allgegenwärtigkeit der Marseillaise. Diese Marseillaise bringt die Union sacrée zum Ausdruck, das Volk rund um Republik und Nation in Gefahr, die es zu verteidigen gilt.

 

Bei Kriegsbeginn erreichen die Soldaten die Front in Reih und Glied, allen voran die Musik. Das Ritual ist unveränderlich, die Musiker spielen die Marseillaise und die Soldaten kommen aus den Gräben, um gegen den Feind zu kämpfen. Diese Marseillaise dient dazu, die Soldaten zu begeistern. Sie findet ihre kriegerische Betonung von 1792 wieder. Die Musiker dienen nebenbei als Sanitäter, unterstützen aber weiterhin musikalisch die Moral der Truppen. Einige bezahlen dafür mit ihrem Leben[21]. Die militärischen Blaskapellen geben im Hinterland auch Konzerte zugunsten der Soldaten und der Zivilbevölkerung. Sie enden unweigerlich mit der Marseillaise[22], und in diesem Augenblick ist die Bevölkerung mit ihrer Armee vereint.

 

 

 

Auszug aus der Zeitschrift Le Miroir Illustré vom 23. April 1916.

 

 

 

Während des gesamten Konflikts ist die Marseillaise allgegenwärtig, um das in den Krieg verwickelte Frankreich für die patriotischen Werte zu mobilisieren, die mit diesem Lied, aber auch durch seine Geschichte vermittelt werden. Raymond Poincaré, Präsident der Republik, beschließt sogar die Überführung der Asche von Rouget de Lisle in den Invalidendom. Die Zeremonie findet am 14. Juli 1915 statt[23].  Dabei wird der Autor einer kriegerischen Hymne geehrt, die Energien freisetzt und die Menschen marschieren lässt. In seiner Ansprache definiert Poincaré die Marseillaise als „den Schrei nach Vergeltung und Empörung eines Volkes, das nun nach 125 Jahren nicht mehr das Knie vor dem Fremden beugt“, und er erinnert an die Marseillaise als eine „Bejahung der französischen Einheit. "

 

Im Verlauf des Konflikts kommt es sowohl an der Front als auch im Hinterland zu einem Übermaß anMarseillaise. Man ist der Marseillaise überdrüssig. Sie wird nun mit dem Gemetzel in den Gräben und den Eliten assoziiert, die sie dorthin gebracht haben, und von einigen wird sie abgelehnt.

 

Als die Provinzen Elsass-Lothringen wieder französisch werden, empfängt die Bevölkerung die Obrigkeiten zum Klang der Marseillaise. Am 10. Dezember 1918 kommen der Präsident der Republik, Raymond Poincaré, und der Ratspräsident, Georges Clemenceau, um 13.30 Uhr am Bahnhof an[24]. Die Menschen stehen auf den Bürgersteigen und zweitausend Schulkinder stimmen die Marseillaise an, das Symbol der wiederhergestellten Republik. Die Tatsache, dass es sich um Kinder handelt, die sie singen, verstärkt diesen Symbolcharakter noch, da sie als Deutsche geboren wurden und gleichzeitig die Zukunft des Landes symbolisieren. Man musste die Marseillaise übrigens einige Tage vorher mit den Kinder einüben, von denen viele sie gar nicht kannten und nie die Gelegenheit hatten, sie aus vollem Hals und in der Öffentlichkeit zu singen.

Sobald der Krieg vorbei ist, finden sich die ehemaligen Kämpfer am Kriegerdenkmal ein, um weder offizielle noch militärische Zeremonien, sondern Trauerfeiern abzuhalten[25]Die Marseillaise hat Probleme, ihren Platz zu finden. Lange Zeit gibt es eine bestimmte Strömung und auch wenn die Hymne am Ende einer Zeremonie häufig gesungen wird, wird sie nicht verpflichtend. Nicht alle Dörfer verfügen über eine Blaskapelle, um sie spielen zu lassen. Daher muss sie von einem Chor, meistens dem Kirchenchor, oder von Schulkindern gesungen werden. Es mag widerstreben, eine Hymne, die kampflustig und triumphierend daherkommt, auf einer Trauerfeier spielen zu lassen, und manchmal werden ihr Trauermärsche oder Choräle vorgezogen.

 

Nach und nach entsteht ein Protokoll. 1913 schreibt Pierre Dupond, Musikchef der Republikanischen Garde, ein neues Trauersignal mit dem Titel Aux morts (Für die Toten), das den Gefallenen gewidmet ist und sich für diese Zwecke anbietet. Zur Partitur erklärt Kommandant Dupond, dass sie 1932 gesetzlich verpflichtend geworden ist. Sie wird jeden Abend bei der Entzündung der Flamme vor dem Grab des Unbekannten Soldaten aufgeführt sowie im Laufe jeder Zeremonie oder bei Gelegenheiten, bei denen der auf dem Feld gefallenen Soldaten ehrenvoll gedacht wird. Dem Trauersignal folgt eine Schweigeminute, die mit einer feurigen Marseillaise beendet wird; Frankreich erweist seinen gefallenen Soldaten die Ehre. So wird der Totenkult inmitten eines festen und unveränderlichen Rituals zu einer Lektion in Staatsbürgertum: Versammlung um ein Ehrenmal, Schweigeminute, Niederlegung von Kränzen, Hornsignal. Die Interpretation der Marseillaise von Musikkorps und Blaskapellen wirkt bei diesen Zeremonien manchmal merkwürdig. Zwecks Herstellung einer Ordnung beauftragt die Rabaud-Kommission, die nach dem Eingreifen der Ministerien für Nationale Bildung und Krieg eingesetzt wurde, Pierre Dupond mit dem offiziellen Arrangement der Nationalhymne. 1938 legt er ein neues Transkript vor, das sich streng an die von der offiziellen Kommission im Jahr 1887 unter dem Vorsitz von Ambroise Thomas erstellte Version hält. Diese Version ist auch heute noch in Kraft.

 

 

Widerstandskämpfer, Kollaborateure, Vichy-Anhänger – jeder will seine eigene Marseillaise

 

            Während des Zweiten Weltkriegs ist die Marseillaise im seit dem 17. Juli 1941 von den Nazis besetzten Gebiet verboten. Sie wird abgeschafft, damit sie keine Aufstände in Gang setzen kann, und aus dem Wunsch heraus, Frankreich seine nationalen und für die Souveränität stehenden Symbole zu entziehen[26]. Im Norden ist die Frage viel zwiespältiger. Das Vichy-Regime behält die Marseillaise als Hymne bei, aber gleichzeitig erwirbt sich das von André Montagard und Charlex Courtioux 1941 geschriebene Lied Maréchal nous voilà (Marschall, hier sind wir!) quasi den Status einer Hymne. Es wird bei öffentlichen Veranstaltungen gespielt und wird recht bekannt. Nathalie Dompnier erklärt diesen Erfolg mit dem bei modernen Liedern entlehnten Rhythmus, mit dem militärisch-sportlichen Stil und mit dem Umstand, dass es von Gesangsstars, insbesondere Andrex, gesungen wird[27]. Schulkinder singen es und das Regime setzt es häufig für seine Propaganda ein. Die Marseillaise verschwindet zwar nicht, aber sie wird häufig gekürzt, um die an das Regime des französischen Staates und die Besatzungssituation am besten angepassten Strophen beizubehalten. Die Strophen: „Allons enfants de la patrie…“ (Auf, Kinder des Vaterlands …), „Amour sacrés de la Patrie…“ (Heilige Liebe zum Vaterland …) und manchmal „Nous entrerons dans la carrière…“ (Wir werden des Lebens Weg weiter beschreiten …) werden bevorzugt. Diese sechste Strophe wird häufig „Strophe des Marschalls“ oder „Lieblingsstrophe des Marschalls“ genannt.

 

Titelblatt mit der Partitur von Maréchal nous voilà,
Originalversion.
 

 

 

 

                                  Strophe 6

                        Amour sacré de la Patrie, (Heilige Liebe des Vaterlandes)

                        Conduis, soutiens nos bras vengeurs (Du führst, du stützt unsere rächenden Arme)

                        Liberté, liberté chérie (Freiheit, geliebte Freiheit)

                        Combats avec tes défenseurs ! (Kämpfe mit deinen Verteidigern) (bis)

                        Sous nos drapeaux que la victoire (Unter unseren Flaggen, damit der Sieg)

                        Accoure à tes mâles accents, (Den Klängen der kräftigen Männer zu Hilfe eilt)

                        Que tes ennemis expirants (Damit Deine sterbenden Feinde)

                        Voient ton triomphe et notre gloire ! (Deinen Sieg und unseren Ruhm sehen!)

 

 

Die Marseillaise nimmt hier eine neue Richtung ein und wird vielmehr zu einem Lied über die Liebe zum Vaterland als ein Lied des Krieges oder der Revolution. Währenddessen hat die Marseillaise bis 1941 keinen offiziellen Status als Nationalhymne Frankreichs. Admiral François Darlan, Leiter der Vichy-Regierung von Februar 1941 bis April 1942 möchte ihr diesen offiziellen Status wiedergeben und fordert den respektvollen Umgang mit diesem Lied, insbesondere bei der Darbietung. Durch den Einsatz der Hymne verfolgt das Regime das Ziel, das Volk zu mobilisieren, auf seine Werte und somit auch sein Regime einzuschwören[28]. "Das gemeinsame Singen vereint die Teilnehmer." Das Gesetz vom Juni 1941 "über den respektvollen Umgang der Zivilbevölkerung mit äußerlichen Erkennungszeichen sowie offiziellen Hoheitszeichen sowie der Ausübung der Nationalhymne oder des Trauersignals Aux Morts  [29]", regelt das Verhalten während der Darbietung: militärischer Gruß oder Stillstehen der Zivilisten sowie keine Kopfbedeckung für Männer. Sie beschränkt das Spielen mit einer zivilen Fanfare auf Einzelfälle, in denen ein Regierungsmitglied oder ein vom Präfekten autorisierter Vertreter anwesend ist. Mit dem Gesetz von Darlan wird die Darbietung außerhalb von offiziellen Veranstaltungen gesetzeswidrig, was mit Geldstrafen oder einer Inhaftierung von 1 bis 6 Tagen geahndet wird. Obwohl es sich um zwei Lieder handelt, wirkt die Marseillaise  deutlich feierlicher. Als Pétain im April 1944 die Hauptstadt besucht, singen die Pariser erstmals seit 1940 öffentlich die Marseillaise. Dieselbe Situation bietet sich am 26. Mai 1944, als Pétain in Nancy eintrifft und der Place Stanislas von Menschenmassen gesäumt ist[30]. Gegen 19 Uhr singt die Menge Maréchal nous voilà, unmittelbar gefolgt von der Marseillaise, bevor sich dann der Marschall an die Einwohner von Nancy wendet.

 

Das Regime zieht es vor, die Marseillaise im offiziellen Protokoll sowie bei öffentlichen Darbietungen in Grenzen zu halten. Der Krieg und die Propaganda gehen auch an der Nationalhymne nicht spurlos vorüber. Tatsächlich verfolgt auch der Widerstand eine Kampagne, indem er versucht, die Franzosen zur Darbietung der Marseillaise zu überzeugen. Für den Widerstand, insbesondere die Untergrundpresse, stützt sich die Forderung zur Wiedereinführung der Republik auf die häufige Zitierung von revolutionären Texten und Liedern. Zudem machen sie den Franzosen Mut, sich wieder zu öffnen und sich an Demonstrationen gegen den deutschen Besatzer zu beteiligen. Die Marseillaise, ein Kampflied in allen Zeiten, wird bei verbotenen Demonstrationen ebenso gesungen wie in Gefängnissen, von den Untergrundkämpfern oder vor dem Exekutionskommando. Nie verliert sie ihre Rolle als patriotische Hymne. Während der Exekution der 27 Widerstandskämpfer in Châteaubriant am 22. Oktober 1941, oder auch der von Gabriel Péri am 15. Dezember 1941 ist die Marseillaise ihr letztes Wort[31]. Als im Zentralgefängnis von Clairvaux im Juni die von den Deutschen des kommunistischen Widerstands bezichtigten Gefangenen hingerichtet werden, erheben sich alle Anwesenden und als Zeichen der Opposition ertönt die Marseillaise [32]. In zahlreichen Städten und Dörfern wird bei den Gedenkfeiern für den Widerstand am 11. November die verbotene Marseillaise gesungen: ein Zeichen der Provokation, des passiven Widerstands und des Patriotismus. Auch erzählen viele Zeitzeugen, wie das Pfeifen der Marseillaise in den Straßen zu hören war. Sie erzählen auch von Bettlern, die sie auf dem Akkordeon spielten oder wie sie sich in den Pariser Nachtclubs sanft mit modernen Liedern mischte. Handelt es sich hierbei um einen Akt des Widerstands? Die Frage lässt sich nur schwer beantworten. Man kann es deuten als Ablehnung der Besatzung oder als Festhalten an der Republik, insbesondere ist es jedoch ein Festhalten an der Nationalhymne, dem Symbol der Unabhängigkeit Frankreichs. In diesem Zeitalter spiegelt die Marseillaise eindeutig die Situation der Bevölkerung wider, die hin- und hergerissen war zwischen Attentismus, Widerstand und Kollaboration. Und allesamt erheben sie einen Anspruch auf die Marseillaise, weshalb es verschiedene Fassungen der Marseillaise gibt…

 

Wie die meisten Vereinigungen, ist das Blasorchester von Haute-Moselle in Neuves Maisons en Meurthe-et-Moselle während des Krieges und der deutschen Besatzung nicht aktiv. Dennoch erinnert sich ein Zeitzeuge an ein Konzert in Pont-Saint-Vincent, organisiert zugunsten der französischen Gefangenen oder des Blasorchesters, das mit der Marseillaise endete, wohl mehr aus Gewohnheit als ein Akt des Widerstands. Die paar wenigen anwesenden deutschen Soldaten gaben sich mit dem militärischen Gruß zufrieden, "nur gut, dass es sich nicht um Mitglieder der SS handelte, " fügt er hinzu.

Die PPF (Parti Populaire Français - Volkspartei Frankreich), die während der Besatzung in der Kollaboration aktivste und am meisten strukturierteste Partei, gegründet und geleitet von Jacques Doriot, nimmt die Marseillaise ebenfalls für sich in Anspruch. Während einer Versammlung im Beisein von J. Doriot am 13. Mai 1942 in den Vogesen, singen die im Saal anwesenden 800 Menschen begeistert und auf Anweisung des Präfekten die Marseillaise[33].

 

In den Internierungs- oder Konzentrationslagern der Nazis ertönt die Marseillaise, die Hymne der Freiheit, als Widerstand gegen den Unterdrücker. Die im Konvoi in Birkenau angekommene Adelaïde Hautval[34] erzählt, dass die Frauen beim Aussteigen aus den Wagons es nahezu schon als Herausforderung ansahen, die Marseillaise zu singen. Die anderen Deportierten, die sich bereits im Lager befanden, sahen dieses Ereignis mit anderen Augen. Für manche kam es einem Aufstand gleich, während andere an diesem Moment der Hoffnung und voller Emotionen festhielten.   

 

 

 

Titelblatt mit Partitur Lied der Befreiung, Lied der Partisanen, 1. Version.
Originalversion

 

Das Verbot der Marseillaise durch die Nazis in der Besatzungszone, das Verbot von Ballveranstaltungen und das Verfassen der Gegenhymne Maréchal nous voilà zu Ehren von Marschall Pétain machen deutlich, dass das Lied und die Musik zu Propagandazwecken genutzt wurden. BBC und der Widerstand verfolgten die Verbreitung patriotischer Lieder. Unter anderem den Chant des partisans, komponiert 1943 auf einer musikalischen Vorlage von Anna Marly sowie Texten von Maurice Druon und Joseph Kessel. Diese Hymne, die zum Kampf für die Freiheit aufruft, wird rasch zum Erkennungszeichen unter den Widerstandskämpfern. Bei der Befreiung hat sie nahezu den Status einer Nationalhymne erreicht und wird neben der Marseillaise bei allen offiziellen Zeremonien gespielt.

 

In den Straßen singt das Volk zur Befreiung die Marseillaise und auch Ballveranstaltungen finden immer häufiger und vielerorts statt. 1946 stellen Django Reinhardt und Stéphane Grappelli eine Jazz-Version der französischen Hymne vor: Echoes of France, aufgezeichnet in London, der Stadt, die General de Gaulle und den Generalstab der Freien Französischen Streitkräfte beherbergte. Wenn diese beiden historischen Mitglieder des Quintetts des Hot Club de France die Marseillaise in ihrer Jazz-Improvisation swingen, einer Musikrichtung, die jenseits des Atlantiks geboren wurde, steht dies symbolisch für die Befreiung nach der deutschen Besatzung und die Rolle der Amerikaner in Frankreich. Allerdings wird diese Jazz-Version eher negativ wahrgenommen. Zu dieser Zeit galt das Antasten der Nationalhymne als Frevel.

 

Als General de Gaulle nach der Befreiung durch ganz Frankreich reist, stimmt er allerorts die Marseillaise an. Er "unterstreicht mit dieser Marseillaise seine wiedergewonnene Autorität, so wie er sich mit [35] identifiziert. "Nach dem Zweiten Weltkrieg ist er wieder regeneriert. Die nationale Versöhnung, die Einstimmigkeit gehen Hand in Hand mit der Marseillaise.

 

Der zweite Teil des 20. Jahrhunderts: Einstimmigkeit, die über Diskussionen hinwegtäuscht

 

 

Nach dem Zweiten Weltkrieg wird die Marseillaise wieder zur offiziellen Nationalhymne. 1946 und später im Jahr 1958 wird sie in den Verfassungen der 9. und später der 10. Republik verankert.

 

            Im September 1944 ergeht per Rundschreiben des Ministeriums für nationale Bildung die Empfehlung, die Marseillaise an den Schulen zu singen, um "unsere Befreiung und unsere Märtyrer zu feiern". Im darauffolgenden Jahr legt eine Dienstmitteilung der provisorischen Regierung der Republik Frankreichs fest, dass von jetzt an das Erlernen fünf patriotischer Lieder an allen Grundschulen Pflicht ist[36]. Hierbei handelt es sich um: La Marseillaise, La Marche lorraine, La Chant du départ, Le Chant des Girondins (oder Le Régiment de Sambre et Meuse) undChant de la Libération (auch bekannt als Chant des partisans). Die im Unterricht erlernten Lieder werden von den Schülern anlässlich ihrer Abschlussprüfungen gesungen. Somit wird der Schulgesang Teil der staatsbürgerlichen Erziehung. Nach vier Jahren unter der Besatzungsmacht verspürt Frankreich das dringende Bedürfnis, seine Identität, seine Einheit und seine Geschlossenheit durch Bestätigung seiner Werte symbolisch bestätigen zu müssen. Dies geschieht insbesondere durch die Interpretation der Marseillaise. Gleichzeitig schafft der Staat Anreize für die Schulkinder, sich an Gedenkfeiern zu beteiligen und die Marseillaise zu singen. Auf diese Weise gelingen die Weitergabe der Geschichte und eine staatsbürgerliche Erziehung unter freiem Himmel.

 

Mit Inkrafttretens des Gesetzes vom 23. April 2005 ist das Erlernen der Marseillaise erneut Pflicht an Grundschulen.

             

            In seinem Werk La fête républicaine unterstreicht Olivier Ihl den Rückgang der republikanischen Feierlichkeiten im Frankreich des 20. Jahrhunderts im Vergleich zum vorherigen Jahrhundert. Rückläufige Teilnehmer, weniger Glanz, weniger Eifer stehen allesamt für das rückläufige Bedürfnis nach republikanischen Feiern. In der Republik herrscht kein Kampf mehr, den es zu gewinnen gilt, die Republik wurde zurückerlangt und die Feierlichkeiten werden zu Banalitäten, weil es nichts mehr zu verteidigen gibt. Dennoch gibt es nach wie vor republikanische Feiern, bei denen die Musik eine bedeutende Rolle spielt. Die Musik steht für sozialen Zusammenhalt und sie dient der Unterhaltung. Aber sie ist auch ein Instrument der politischen Propaganda.

 

Durch den Einsatz einer Fanfare bei Gedenkfeiern erhält die Zeremonie sofort einen feierlicheren Charakter. Die Fanfare weist den Weg durch die Musik und durch die passenden Stücke wird der Raum erfüllt und erinnert an die Geschichte all jener Tage, die für die Republik so wichtig waren. Das Spielen der Titel La Madelon" am 11. November oder "La Marche de le 2e DB" am 8. Mai erinnert an die verheerenden Zustände in den Schützengräben und die Entschlossenheit der Befreiungskämpfer der 2. Panzerdivision von General Leclerc. Die Musik ist Trägerin eines Gedächtnisses, das sie weitergibt und das die Worte und Denkweisen ergänzt.  

 

Im 19. Jahrhundert finden staatsbürgerliche und politische Rituale ihren Einzug, die weitestgehend mit geistlichen Ritualen übereinstimmen. Die Hymne ist mittlerweile zur musikalischen Verkörperung des Staates und seiner Werte geworden. Als politisches Gebilde gehört die Hymne zum festen Protokoll, und sie wird bei offiziellen Zeremonien entweder von zivilen oder militärischen Kapellen gespielt.

Bei den jährlichen offiziellen Gedenkfeiern kommen Fanfaren zum Einsatz. Am Ende eines Konzerts ist es üblich, dieses durch Spielen der Nationalhymne zu beenden. Gleichermaßen werden bei allen Besuchen von Persönlichkeiten von der Regierung offizielle Empfänge der gastgebenden Kommune vorbereitet, an den sowohl die offiziellen Behörden als auch die Bevölkerung teilnehmen. Nur selten kommt es vor, dass die örtliche Blaskapelle nicht zum Einsatz kommt. Sie ist fester Bestandteil der zivilen Feierlichkeiten und unterhält auch häufig mit ihrer Unterhaltungsmusik. Musik spielt im Protokoll eine wichtige Rolle. Durch das Singen der Hymne bezeugt die Gesellschaft ihren Respekt gegenüber ihrem Gastgeber und erweist ihm die notwendige Ehre. Die Fanfare spielt hierbei eine unverzichtbare Rolle, sie ist sozusagen das Aushängeschild. Durch sie gelingt es, musikalische Ehre zu erweisen, vollkommen ohne Worte.

 

Zeitgleich zu diesem fixen Protokoll finden nach dem Zweiten Weltkrieg auch wieder die Ballveranstaltungen am 14. Juli statt. Für die Bevölkerung ist dies vergnügliche Zusammenkunft und republikanisches Ritual zugleich. Und plötzlich stimmt das Orchester die Marseillaise an, häufig kurz vor dem Feuerwerk, sofern ein solches vorgesehen ist.

 

Noch festlicher, aber sehr nahe daran, erfordern auch Sportveranstaltungen den Einsatz einer Fanfare. Hier werden die Hymnen beim Aufeinandertreffen verschiedener Nationalmannschaften gespielt. Bei Sportveranstaltungen bekommt die Inszenierung der Hymnen fast schon einen kämpferischen Charakter zwischen zwei Nationen. Anhänger und ganze Stadien singen auswendig mit. Auch bei Siegerehrungen während internationaler Wettkämpfe ist das Spielen der Hymne ein Muss.

 

            Auch wenn die Marseillaise nicht die Rolle Frankreichs nach Kriegsende in Frage stellt, so ist sie dennoch Auslöser für Diskussionen.

 

Die am 6. Oktober 2001 vor einem sportlichen Wettkampf gespielte Marseillaise wird während des Fußballspiels Frankreich-Algerien von einem Teil des Publikums gepfiffen. Dies führte zu heftigen Reaktionen in der Öffentlichkeit und der Politik, die diesen Vorfall ebenfalls zum Thema machte. Am 11. Mai 2002 passiert es, dass während des Finales des Coupe de France zwischen den Mannschaften von Bastia und de Lorient dieMarseillaise von den korsischen Fans ausgebuht wird. Daraufhin verlässt Jacques Chirac, Präsident der Republik, die offizielle Tribüne und das Stadion, ohne den Siegern den Pokal zu überreichen. Es ist schwierig, eine verständliche Erklärung abzugeben, die umfassend zufriedenstellend ist. Aber diese Verhaltensweisen lassen sich auf vielerlei Ursachen zurückführen, die sich dann mit dem Effekt der kritischen Masse hochschaukeln. Zunächst unterstreichen sie die Animositäten gegenüber den Fans des Gegners, deren Wunsch es ist, dass ihre Mannschaft gewinnt. Sie sind aber auch Provokation, das von manchen als Ablehnung von Frankreich gesehen wird, was als verletzend empfunden wird. Diese Ablehnung und Provokation haben jedoch unterschiedliche Bedeutung für einen Korsen, der für die Unabhängigkeit der Ile de Beauté kämpft, einen Jugendlichen aus der Vorstadt oder gar für einen algerischen Immigranten. Handelt es sich um einen Ausdruck der Integrationsproblematik junger Menschen mit Migrationshintergrund?  Diese Vermischung wird von bestimmten Gruppen häufig zu schnell genannt, schließlich bestehen auch immer noch die Wunden des Algerienkrieges, die nur schwer zu heilen sind und die in den Pfiffen immer noch leicht nachhallen. Die politische Instrumentalisierung dieses Ereignisses verstärkt diese Ansicht. Das bereits im Voraus mit politischem Hintergrund der französisch-algerischen Aussöhnung angekündigte Spiel war für manchen Anlass genug, dieser Annäherung einen Strich durch die Rechnung zu machen. Infolgedessen wurde im Januar 2003 ein Gesetz verabschiedet, wodurch die Beleidigung der Marseillaise als Straftat geahndet wird. Zuerst auf individueller Ebene anwendbar, wurde es dann im März desselben Jahres ausgeweitet auf "öffentliche Veranstaltungen mit sportlichem, Freizeit- oder kulturellem Charakter. "

 

Häufig hört man auch kritische Stimmen über die Textzeilen der Marseillaise. Sie werden als kriegerisch und brutal empfunden und bestimmte Personen wünschen sich eine Änderung hin zu eher pazifistischem Inhalt. Laut Meinungsumfragen fühlen sich jedoch die Franzosen nach wie vor sehr verbunden mit ihrer Hymne und bislang hat sich kein Politiker getraut, die Marseillaise anzutasten.

            Sie ist Bestandteil unseres historischen und kulturellen Erbes und wird als solches wiedergegeben. Viele Künstler, Sänger und Schauspieler haben die Marseillaise oder Lieder, die auf sie verweisen, bereits dargeboten. Diese Darbietungen sind Kritik oder Ehre für dieses Lied und das, wofür es steht. Damit liefern sie einen Nährboden für verschiedene Ansichten über die Marseillaise, die in der Gesellschaft vorherrschen. Michel Sardou, Philippe Clay, André Dassary, Lucien Lupi, Catherine Sauvage… all diese Künstler haben die Hymne in ihr Repertoire aufgenommen, ohne Text oder Musik zu verändern. Eine eher kritische Haltung zeigte Mireille Mathieu in ihrer 1975 veröffentlichten Fassung von Pour une Marseillaise, in der sie den Wunsch äußerte, "die kriegerischen Texte zu streichen und daraus ein Friedenslied zu machen". Léo Ferré, mit seiner eher bissigen Darbietung der Marseillaise im Jahr 1967, prangert die Massaker und das Blut an, das in ihrem Namen vergossen wurde sowie den Nationalismus, den die Hymne seiner Meinung nach symbolisiert. 1967 nimmt Omar Sharif eine Single auf, wo er zur Musik von Rouget de Lisle, arrangiert von Michel Bernholc, seine Liebe zu Frankreich und der Marseillaise beteuert, "die für einen Ausländer wie mich (...) alles verkörpert, was ich an diesem Land so liebe". In jüngster Zeit, 2006, teilte Charlélie Couture mit Ma Marseillaise seine Ansichten über die Hymne mit, als er am 6. November 2006 in der Nachrichtensendung von France 2 um 13 Uhr verkündet, "die Marseillaise ist ein Kampfschrei, und für mich ein Schrei nach Liebe".  Der Plattenerfolg solch neuer Interpretationen ist in den meisten Fällen eher gering. Einzige Ausnahme ist die 1979 aufgenommene Reggae-Version Aux armes et cætera von Serge Gainsbourg. Im Nachhinein gelten der Sänger und all seine Werke als Provokation[37]Selbst wenn er die Absicht hatte, einen Skandal auszulösen, so ist seine Marseillaise irgendwo zwischen Beleidung und Verehrung einzuordnen, d. h. eine Provokation sowohl musikalischer als auch politischer Art. Insbesondere der Artikel von Michel Droit im Le Figaro Magazine vom 1. Juni 1979 heizt die Debatte weiter an, indem er diese Version als antisemitisch, unpatriotisch und skandalös betitelt. Dennoch spricht der Verkaufserfolg des Albums, über 10.000 Alben im Erscheinungsmonat und Platz 1 in der Hitparade, für eine gewisse Begeisterung seitens der Öffentlichkeit sowie ein Bekenntnis der französischen Bevölkerung zu Gainsbourg, der sich die Nationalhymne zu eigen gemacht hatte.

 

Auch weitere Künstler verfolgten mit ihrer Interpretation der Marseillaise die Absicht, sich die Provokation zu Nutzen zu machen, so auch die Pariser Punkrock-Band Oberkampf mit ihrer neu strukturierten Version von 1983. Inspiriert von Jimmy Hendrix und seiner oppositionellen Version der amerikanischen Hymne, macht sich der Gitarrist und Gründer der Band Pat Kebra ans Werk, diesen Ansatz auch für die französische Hymne umzusetzen[38]. Hierbei handelt es sich weniger um politische Kritik über Frankreich und den Staat, sondern vielmehr um eine soziale Revolte. Ein Angriff auf die Nationalhymne gleicht einem Angriff auf die Gesellschaft. Paradoxerweise finden sich in seinen Texten revolutionäre Energien und Ideale, die Gefallen finden. Sie singen wahre Worte, aber als übliche Strophe bevorzugen sie die so genannte Strophe der Kinder. "Wir werden Karriere machen, wenn unsere Ältesten nicht mehr unter uns sind" so klingt ihre Rebellion gegen die Machtinhaber und die Generation ihrer Eltern. Anders als bei Serge Gainsbourg erreicht ihre Marseillaise und ihre Rebellion jedoch nur einen kleinen Kreis, und es reicht nur für einen kleinen Beitrag in der Fernsehsendung von Philippe Manœuvre, Les enfants du Rock im Dezember 1983.

 

Auch heute noch kursieren in der Bevölkerung ganz eigene Gedanken über die Marseillaise. Eine Internetsuche bei Youtube reicht vollkommen aus, um zahlreiche Interpretationen der Nationalhymne zu sehen. Von vielen Menschen wird sie auf klassische Art dargeboten, die meisten bieten jedoch eine eigene Interpretation als Rock-, Rap- oder Raï-Version dar... sehr facettenreich, so wie sich auch die Gesellschaft heutzutage darstellt.

 

            2015 kommt es in Frankreich zu einer Welle noch nie dagewesener Attentate. Als Reaktion auf die von Dschihadisten verübten Attentate vom 7., 8. und 9. Januar 2015 finden am 11. Januar 2015 in Paris und ganz Frankreich stumme Trauermärsche statt. Die Stille wird lediglich unterbrochen vom emotionalen Klang der Marseillaise. Und sie erntet jedes Mal Applaus. Diese Marseillaise ist sanft, würdevoll, feierlich, sie ist kein Schrei. Sie ist spontan, ein Zeichen der Gemeinschaft und Brüderlichkeit, ausgedrückt und gewollt vom Volk. Es ist das Einvernehmen der Nationalhymne durch die Bürger. Die Marseillaise vereint. Dahinter steht keine Polemik, sondern das Bedürfnis nach Einheit und Sinn, nach Bestätigung der Werte der Republik. Dennoch muss man dies vorsichtig betrachten, denn obwohl mehr als 4 Millionen Menschen, was sehr viel ist, an diesen Kundgebungen teilgenommen haben, so ist diese Zahl in Anbetracht der 65 Millionen Franzosen entsprechend zu relativieren. Eine gewisse Vorsicht muss hier geboten sein, um nicht aus den Taten von vier Millionen voreilige verallgemeinernde Rückschlüsse zu ziehen. Dies wird später die Aufgabe von Historikern sein, dieses Ereignis im Gesamtrahmen der folgenden Jahre zu analysieren und die tatsächliche Reichweite der nationalen Einheit zu beurteilen.

 

In Folge der Attentate vom 13. November 2015 wird eine 3-tägige Staatstrauer angeordnet. Am 15. November wird in der Kathedrale Notre-Dame de Paris eine Messe zu Ehren der Opfer abgehalten, bei der zahlreiche hochrangige Politiker anwesend sind. Während dem Offertorium spielt der Organist Olivier Latry eine Variante der Marseillaise, ein Augenblick der heiligen Einheit[39].  Als die Anwesenden die Melodie erkennen, erheben sie sich. Und manche im Kirchenschiff schwenken sogar kleine Ausgaben der Trikolore.

 

 

                        Die Marseillaise verkörpert ganze Teile der Geschichte Frankreichs. Sie zu singen bedeutet auch, zu kämpfen, gemeinsam in den Kampf zu ziehen und den nationalen Ruhm immer wieder ins Gedächtnis zu rufen. Das Lied der Revolution und Freiheit war nicht immer gesetzlich erlaubt und auch das Volk hatte sich zeitweilig abgewendet. Aber es hat seinen finalen Triumph erreicht und dient nun als Symbol und Verkörperung von Frankreich und dem französischen Volk. Vom Lied der Revolution hin zum Lied des Patriotismus, ein Lied, das das Vaterland und den nationalen Zusammenhalt feiert und ehrt.

 

Es wurde zum nationalen Erbe, und die unterschiedlichen Interpretationen, Anpassungen und Kritiken über die Marseillaise geben aufschlussreiche Hinweise über die Gesellschaft, ihre Entwicklung, sowie ihr Streben und Verlangen.



[1] Frédéric Robert, La Marseillaise, Paris, Nouvelles Editions du pavillon/Staatsdruckerei, 1989, S. 2

[2] Mona Ozouf, La fête révolutionnaire, Paris, Gallimard, 1976, p. 152

[3] Mona Ozouf, La fête révolutionnaire, Paris, Gallimard, 1976, p. 66

[4] Béatrice Didier, « Stylistique des hymnes révolutionnaires », pp.109-117, in : Jean-Rémy Julien et Jean-Claude Klein, Orphée Phrygien. Les musiques de la Révolution, Vibrations, éditions du May, Paris, 1989, p. 113

[5] Béatrice Didier, « Stylistique des hymnes révolutionnaires », pp.109-117, in : Jean-Rémy Julien et Jean-Claude Klein, Orphée Phrygien. Les musiques de la Révolution, Vibrations, éditions du May, Paris, 1989, p. 117

[6] INTERVIEW: Die Marseillaise aus der Sicht von Gildas Harnois, Leiter der Musique des gardiens de la paix,

http://prefpolice-leblog.fr/interview-la-marseillaise-vue-par-gildas-harnois-chef-de-la-musique-des-gardiens-de-la-paix , vu le 29 octobre 2016.

[7] Béatrice Didier, « Stylistique des hymnes révolutionnaires », pp.109-117, in : Jean-Rémy Julien et Jean-Claude Klein, Orphée Phrygien. Les musiques de la Révolution, Vibrations, éditions du May, Paris, 1989, p. 111

[8] Philippe Gumplowicz, Les Travaux d’Orphée. Cent cinquante ans de vie musicale en France. Harmonies, chorales, fanfares, Paris, Aubier, 1987, rééd. 2001, p. 202.

[9] Paul Gerbod, « L’institution orphéonique en France du XIXe siècle au XXe siècle. », « Ethnologie française », I, 1980, p. 28

[10] Philippe Gumplowicz Les Travaux d’Orphée. Cent cinquante ans de vie musicale en France. Harmonies, chorales, fanfares, Paris, Aubier, 1987, rééd. 2001, p. 175

[11] Jann Pasler, La République, la musique et le citoyen (1871-1914), Paris, NRF Editions Gallimard, 2015, p. 284

[12] Olivier Ihl, La fête républicaine, Paris, NRF Editions Gallimard, 1996, p. 158, 324

[13] Julien Tiersot, Les Fêtes et les chants de la Révolution française, Paris, Hachette, 1908, p. XV

[14] Olivier Ihl, La fête républicaine, Paris, NRF Editions Gallimard, 1996, p. 325-326

[15] Olivier Ihl, La fête républicaine, Paris, NRF Editions Gallimard, 1996, p. 159-160

[16] Departementarchive von Vendée. 4 Num 220/79, 1879. Zitiert aus der Arbeit von Soizic Lebrat "Le mouvement orphéonique en question : du national au local (Vendée 1845-1939)", Dissertation auf dem Gebiet der Geschichte unter der Leitung von Guy Saupin, 2012, Universität Nantes, S. 246

[17] ADV. BIB ADM PB 14. Rundschreiben der Beratungen des Generalrats von Vendée, 1879-1887. Zitiert aus der Arbeit von Soizic Lebrat "Le mouvement orphéonique en question : du national au local (Vendée 1845-1939)", Dissertation auf dem Gebiet der Geschichte unter der Leitung von Guy Saupin, 2012, Universität Nantes, S. 386-387

[18] ADV. 4M122. Brief des stellvertretenden Präfekten an den Präfekten, 19. Dezember 1884 Zitiert aus der Arbeit von Soizic Lebrat "Le mouvement orphéonique en question : du national au local (Vendée 1845-1939)", Dissertation auf dem Gebiet der Geschichte unter der Leitung von Guy Saupin, 2012, Universität Nantes, S. 386-387

[19] Petit Vincent, « Religion, fanfare et politique à Charquemont (Doubs) », Ethnologie française, 2004/4 Vol. 34, pp. 707-716, p. 708

[20] Betrachten Sie in diesem Zusammenhang auch:  Philippe Tomasetti, Auguste Spiner. Un patriote alsacien au service de la France. Promoteur du monument du Geisberg à Wissembourg, Nancy, Editions Place Stanislas, 2009, p. 49-61

[21] Armand Raucoules, De la musique et des militaires, Paris, Somogy/Ministère de la défense, 2008, p. 33

[22] Sophie-Anne Letterier, « Les concerts au front », pp. 77-87, p. 84, in Florence Gétreau (dir.), Entendre la guerre. Sons, musiques et silences en 14-18, Paris, Gallimard/Historial de la Grande Guerre, 2014.

[23] Michel Vovelle, « La Marseillaise. La guerre ou la paix », pp. 85-136, p. 125 in Pierre Nora (dir.), Les lieux de mémoire. T1. La République, Paris, Gallimard, 1984.

[24] Philippe Husser, Journal d’un instituteur alsacien entre la France et l’Allemagne, 1914-1951, Paris, Hachette, 1989.

[25] Antoine Prost, « Les monuments aux morts. Culte républicain ? Culte civique ? Culte patriotique ? », pp. 195-225, p. 208, 210 in Pierre Nora (dir.), Les lieux de mémoire. T1. La République, Paris, Gallimard, 1984.

[26] Nathalie Dompnier, « Entre La Marseillaise et Maréchal, nous voilà ! Quel hymne pour le régime de Vichy ? », pp. 69-88, p. 70, in Myriam Chimènes (dir.), La vie musicale sous Vichy, Paris, Éditions Complexe – IRPMF-CNRS, coll. « Histoire du temps présent », 2001.

[27] Nathalie Dompnier, « Entre La Marseillaise et Maréchal, nous voilà ! Quel hymne pour le régime de Vichy ? », pp. 69-88, p. 71, 75 in Myriam Chimènes (dir.), La vie musicale sous Vichy, Éditions Complexe – IRPMF-CNRS, coll. « Histoire du temps présent », 2001.

[28] Nathalie Dompnier, « Entre La Marseillaise et Maréchal, nous voilà ! Quel hymne pour le régime de Vichy ? », pp. 69-88, p. 77-78, in Myriam Chimènes (dir.), La vie musicale sous Vichy, Éditions Complexe – IRPMF-CNRS, coll. « Histoire du temps présent », 2001.

[29] Staatsarchive F41 295, Projekt vom 14. Juni 1941.

[30] François Moulin, Lorraine années noires, de la collaboration à l'épuration, Strasbourg, La Nuée Bleue, 2009,

p. 26

[31] Frédéric Robert, La Marseillaise, Paris, Nouvelles Editions du pavillon/Imprimerie nationales, 1989, p. 135

[32] Raymond-Léopold Bruckberger, Si grande peine, chronique des années 1940-1948, Paris, Grasset, 1967, p. 103-104

[33] François Moulin, Lorraine années noires, de la collaboration à l'épuration, Strasbourg, La Nuée Bleue, 2009, p. 116

[34] Adelaïde Hautval, Médecine et crimes contre l’humanité, Paris, Actes Sud, 1991.

[35] Michel Vovelle, « La Marseillaise. La guerre ou la paix », pp. 85-136, p. 125 in Pierre Nora (dir.), Les lieux de mémoire. T1. La République, Paris, Gallimard, 1984, p. 132

[36] Michèle Alten, « Un siècle d'enseignement musical à l'école primaire »,  « Vingtième Siècle, revue d'histoire », 1997, Volume 55, Numéro 1, pp. 3-15, p. 6-7

[37] Francfort Didier, « La Marseillaise de Serge Gainsbourg », « Vingtième Siècle ». Revue d'histoire, 1/2007 (n° 93), pp. 27-35.

[38] Aussage von Pat Kebra, erfasst am 26. November 2016

[39] Judikael Hirel, « À Notre-Dame de Paris, l'orgue a joué La Marseillaise pour les victimes », Publié le 16/11/2015, Le Point.fr, vu le 27 novembre 2016.