Dienst in der Armee und Singen der Marseillaise: Ein Symbol des Engagements für Frankreich.

Adeline Poussin - Dienst in der Armee und Singen der Marseillaise: Ein Symbol des Engagements für Frankreich.

Von Adeline Poussin, Doktorin der Musikethnologie.

Absolventin der Universität Nizza Sophia Antipolis

Laboratoire LIRCES

Corps 1

Während ihres Einsatzes bei der Armee lernen die Freiwilligen nicht nur den Umgang mit Waffen und Kampftechniken, sondern auch einige Lieder, deren Interpretationsweise sowohl hinsichtlich der Gesangstechnik als auch der damit verbundenen Körperhaltung sehr spezifisch ist. Manche Stücke sind patriotisch, andere stammen aus einem speziellen militärischen Repertoire, das von der Einheit und der Waffe abhängt, unter der die Freiwilligen dienen sollen. Das erste Lied, das sie lernen, ist Die Marseillaise. Geht es nur um eine “schöne Interpretation” der Nationalhymne, wenn sie an den feierlichen Akten teilnehmen sollen? Es scheint, dass es eine tiefere Bedeutung hat, sie zu erlernen. In diesem Artikel möchte ich diese Gesangspraxis der Soldaten hinterfragen, um die Herausforderungen dabei besser zu verstehen. “Der Einsatz bei der Armee” kann verstanden werden als “Selbstaufopferung im Dienste Frankreichs” in dem Sinne, dass der Soldat seinen Einsatz vor sein Privat- und Familienleben stellt und, wenn es sein muss, sein Leben opfert.

Als Nationalhymne steht Die Marseillaise als Symbol für Frankreich. Um den feierlichen Charakter sicherzustellen, der mit ihrem Vortrag einhergeht, wird sie von den Soldaten in “Habachtstellung” interpretiert, das heißt, in einer insgesamt starren Körperhaltung (die Person steht aufrecht, die Schultern leicht nach hinten, die Arme neben dem Körper und die Hände stramm an den Oberschenkeln anliegend, die Fersen zusammengeschlagen und den Kopf erhoben), und wenn sie bewaffnet sind, in der Stellung “präsentiert das Gewehr”, das heißt in der gleichen Haltung wie bei der Habachtstellung, aber mit dem rechten Unterarm waagrecht zum Gewehr und dem linken Unterarm senkrecht zum Gewehr. Das Erlernen dieses Liedes in den ersten Tagen des Einsatzes ist für den künftigen Soldaten “eine Art erster zwangsläufiger historischer Schritt zur Identitätsfindung” (Jean-Claude Kaufmann, L'invention de soi, une théorie de l'identité, Paris, Armand Colin, 2004, S. 131). Tatsächlich steht dieses Stück allein für die Werte, die diese Personen verteidigen sollen, und zwar die Werte der Republik. Ohne eine genaue Analyse vornehmen zu wollen, ist es wichtig, bei einigen Elementen dieses Liedes zu verweilen, um seinen Platz in der Grundausbildung der Soldaten besser zu verstehen. In erster Linie handelt es sich um ein Kriegslied, das die Bedeutung des Zusammenhalts hervorhebt. Dieser Begriff ist in der militärischen Organisation wesentlich, und von Beginn der Aufnahme der neuen Freiwilligen an wird alles unternommen, um sie zu veranlassen, diese Beziehung anzustreben: das Leben in der Gemeinschaft, das Tragen der Uniform, die Trennung vom zivilen Leben, das Entstehen von Schwierigkeiten. Diese große Nähe zwischen den Soldaten einer Einheit wird symbolisch im Gesangsrepertoire ausgedrückt. Sie taucht insbesondere in der familiären Metapher auf, die man in der ersten Strophe der Marseillaise findet:

Auf, Kinder des Vaterlands!

Der Tag des Ruhmes ist gekommen!

Gegen uns Tyrannei,

Das blutige Banner erhoben! (zweimal)

Hört ihr auf den Feldern

Diese wilden Soldaten brüllen?

Sie kommen bis in eure Arme,

Um euren Söhnen, euren Gefährtinnen die Kehlen durchzuschneiden.

Die Verwendung des Wortes “Kinder” verweist auf das innerhalb der Institution, insbesondere der Landstreitkräfte, verwendete Vokabular, wo sich die Truppe bei verschiedenen Gelegenheiten auf den “Vater” bezieht (zum Beispiel bezeichnet der “Waffenvater” bei den Marinetruppen den kommandierenden General) und sich damit in diese Position der Nachfolger eines moralischen Erbes bringt. Diese Truppe besteht aus “Kindern des Vaterlands”, anders gesagt aus Personen unterschiedlicher Lebenswelten, die jedoch die Gemeinsamkeit haben, französische Staatsbürger zu sein. Die überall vorhandene Bezugnahme auf das Blut festigt diese Idee der Abstammung. Es hat einen symbolischen Wert, der mit der Farbe Rot assoziiert wird, als “Träger des Lebens” (Jean Chevalier, Alain Gheerbrant, Dictionnaire des symboles, mythes, rêves, coutumes, gestes, formes, figures, couleurs, nombres, Paris, Robert Laffont Jupiter (coll. Bouquins), 2. Ausg. 1982 [1. Ausg. 1962], S. 976), aber auch als “Träger der Leidenschaft” (ebenda.). Es symbolisiert “alles, was schön, edel und großzügig ist” (ebenda.). Gleichzeitig wird eine realistische Dimension des Waffenberufes in Bezug auf seine Gewalt gezeigt, denn Blutvergießen lässt an Verletzungen, ja sogar an den Tod denken. Im militärischen Umfeld lässt sich berücksichtigen, dass das Lied das tiefe Engagement des Soldaten ausdrückt, wenn er sich zum Dienst bei der Institution meldet.


Die Marseillaise mit Anweisungen bezüglich ihrer Ausführung sowie mit einer kurzen Entstehungsgeschichte im Gesangsheft der ENSOA (École nationale des sous-officiers d'active), veröffentlicht vom Ausbildungskommando der Landstreitkräfte 2007 im Verzeichnis unter NSOA/DGF/DFC/FExA.

Um die Tragweite des Textes verstehen zu können, muss man außerdem die revolutionäre Bedeutung berücksichtigen, mit der sie komponiert wurde, denn er weist auf die Werte der Republik hin, im Gegensatz zu einem totalitären Regime, egal welcher Art. Darin verteidigt er die auf ein demokratisches System gestützte Macht, eine Form der politischen Ordnung, die häufig zur Rechtfertigung der Beteiligung der französischen Armee an Auslandseinsätzen (Ex-Jugoslawien, Elfenbeinküste, Tschad usw.) herangezogen wird. Die Verteidigungsinstitution greift auch im Rahmen der UNO bei der “Friedenserhaltung” ein, ein Begriff, der sich der fünften Strophe des Liedes anschließt, deren Text dazu aufruft, nicht zu töten und die Ursachen der Handlungen des Feindes zu verstehen:

Franzosen, Ihr edlen Krieger,

Versetzen wir unsere Schläge oder halten wir sie zurück!

Verschonen wir diese traurigen Opfer,

Die sich widerwillig gegen uns bewaffnen! (zweimal)

Aber dieser blutrünstige Despot!

Aber diese Komplizen von Bouillé!

Alle diese Tiger, die erbarmungslos

Die Brust ihrer Mutter zerfleischen!

Diese Strophe bringt symbolisch einen der militärischen Werte Frankreichs zum Ausdruck, seinen Gegner nicht zu töten, sondern ihn zu “neutralisieren” oder “unschädlich zu machen” (Die Armee hebt die Tatsache hervor, dass sie den Einsatz von kleinkalibriger Munition bevorzugt, vor allem bei den FAMAS - Sturmgewehr der staatlichen Waffenfabrik Saint-Étienne - die mit 5,56 mm-Kugeln funktionieren, die vor allem verletzen sollen um zu “neutralisieren” und nicht zu töten, obwohl diese Gewehrart potenziell tödlich ist, wie jede Feuerwaffe). Diese Angaben können natürlich den Tod des Feindes bedeuten. Sie zeigen auch die Mehrdeutigkeit, die zur Einhaltung dieses Grundsatzes erforderlich ist, der sich auch durch die Betonung einer “Abschreckungsmacht” zieht, insbesondere wenn sie sich an “friedenserhaltenden” Missionen beteiligt. Dennoch werden diese Verse nicht gesungen und sind den Soldaten meistens nicht bekannt, da diese im Allgemeinen nur drei Strophen (obwohl nur die ersten beiden offiziell vorgeschrieben sind) und den Refrain (vgl. Illustration 1.) lernen. Außerdem werden bei feierlichen Akten und Aufmärschen nur die erste Strophe und der Refrain gesungen. Folglich entspricht dieser Text dem institutionellen Denken, wird aber nicht als direktes Mittel im Rahmen der Grundausbildung der Soldaten verwendet. Es zählt mehr der symbolische Wert des Liedes. Die Marseillaise ist eine Art der Rechtfertigung des militärischen Einsatzes. Selbst wenn sie nicht vollständig gesungen wird, ist sie die französische Hymne und vertritt die Werte, die im Einzelnen über andere Wege vermittelt werden (vgl. Adeline Sannier-Poussin, Le chant militaire et sa pratique actuelle dans les Troupes de Marine, Dissertation in Musikethnologie, Universität Nizza Sophia Antipolis, 2014, S. 417 ff). Die, wenn auch nur teilweise, Interpretation dieser Hymne bestätigt eine Zugehörigkeit. Im Falle der Nationalhymne ist das Singen ein patriotischer Anspruch und ermöglicht den Soldaten, sich die Gründe ihres Einsatzes und ihre Ergebenheit gegenüber der Heimat zu vergegenwärtigen. Dieselbe Sichtweise macht die stimmliche Wiedergabe zu einem Akt, der Personen unterschiedlicher Lebenswelten vereint, da er den Gedanken verstärkt, dass es eine Ehre ist, der Nation zu dienen. In diesem Sinne ist das gemeinsame Interpretieren der Marseillaise für die Soldaten eine Möglichkeit, die Bedeutung ihres Einsatzes auszudrücken.

Das Erlernen der Marseillaise in den ersten Wochen des Militärdienstes hat eine große symbolische Bedeutung. Neben der positiven Auswirkungen auf den Zusammenhalt der Gruppe durch die kollegiale Interpretation hat dieses Lied im Besonderen eine Aussagekraft über den Einsatz dieser jungen Freiwilligen. Es steht nicht nur dafür, dass sie das Land repräsentieren, in deren Dienst sie sich gestellt haben, sondern ist auch symbolischer Ausdruck der Werte, die sie zu verteidigen bereit sind und der Gesamtheit ihrer Einbindung in diese Aufgabe, für die sie möglicherweise hinnehmen, ihr Leben zu opfern.