Bobigny: Spuren am Gedenkort

Ehemaliger Deportationsbahnhof von Bobigny. © H. Perrot

Seit mehreren Jahren möchte die Stadt Bobigny den Ort des ehemaligen Deportationsbahnhofs mit einem landschaftsgestalterischen und szenografischen Programm aufwerten. Das Projekt möchte einen der Öffentlichkeit wenig bekannten Ort der Geschichte und des Gedenkens zeigen, dabei jedoch seine ursprüngliche Topographie bewahren und in das Stadtbild einbinden.

Corps 1

Dessin de la gare de Bobigny. © E. Martin/Ville de Bobigny

Zeichnung des Bahnhofs Bobigny. © E. Martin/Stadt Bobigny

 

Ursprünglich ein banaler Bahnhof der Ringbahn Grande Ceinture der Region Paris in einer Landschaft, die vor allem aus kleinen Pavillons und landwirtschaftlichen Parzellen besteht..., ein kleiner Bahnhof eines Pariser Vorortes, der von Juli 1943 bis August 1944 ein Ort der Abfahrt zur Deportation in 21 Konvois mit über 22.500 französischen Juden aus dem nicht weit entfernt gelegenen Lager Drancy war. Wie Ida Grinspan in ihrem Bericht über die Deportation erzählt, als sie vom Bahnhof Bobigny am 10. Februar 1944 nach Auschwitz-Birkenau gebracht wurde, war dieser „kleine, altmodische Bahnhof“ für viele Opfer das „letzte Bild einer zivilisierten Welt“.

 

VON EINEM BAHNHOF DER RINGBAHN ZU EINEM BAHNHOF DER DEPORATION

 

Der letzte Blick ist zweifellos jener auf das Fahrgastgebäude, das 1928 nach einem rationalistisch beeinflussten Architekturmodell errichtet wurde, das für die Bahnhöfe der Line von Saintes nach Royan in der Charente-Maritime verwendet wurde. Ein Gebäude, das die Benutzer der Linie nur bis Mai 1939 beherbergte, als es wegen unzureichenden Verkehrsaufkommens geschlossen wurde. Das Gebäude dient anschließend als Unterkunft der Eisenbahner des Güterbahnhofs, da eine Industrieanlage während der gesamten Besatzung in Betrieb bleibt.

 

Dieser Güterbahnhof wurde rund um die große Halle betrieben, die Anfang der 1930er-Jahre errichtet wurde, um die Verbindungen zwischen den privaten Abzweigungen und dem Schienennetz des Nordens und Ostens zu erleichtern. Diese Gleise banden die militärische Festung von Aubervilliers und die umgebenden Fabriken an, darunter die Druckerei der Zeitung L’Illustration. Sie dienten auch den Gemüsebauern aus Bobigny und der Umgebung. Man muss sich die Halle mit ihrem überdachten Bahnsteig, den Lagerflächen und Abstellgleisen sowie den technischen Anlagen (Waage und Kran) und den Büros vorstellen. Ein Bahnsteig jedoch, der 1943-1944 von „graugrünen Uniformen bevölkert“ war, welche die Deportierten in Güterwaggons stießen, wie Simone Lagrange berichtet, die am 30. Juni 1944 deportiert wurde. Die unauffällige Halle eines nicht für die Öffentlichkeit zugänglichen Industriebetriebs, ein weniger exponierter als Bourget-Drancy, der vom Frühjahr 1942 bis Sommer 1943 der Bildung von Deportationskonvois diente, eine Eisenbahnstrecke, die an das Ostbahnnetz angeschlossen war und auf der ein stundenlanger Halt eines Zuges möglich war: Alois Brunner, dem Eichmann im Juni 1943 die Organisation der „Endlösung“ im besetzten Frankreich übertrug, fand alle diese Merkmale vor, um aus Bobigny den neuen Deportationsbahnhof für französische Juden zu machen.

 

Ancienne gare de déportation de Bobigny. © H. Perrot

Ehemaliger Deportationsbahnhof von Bobigny. © H. Perrot

 

Ab dem Konvoi Nr. 57, der am 18. Juli 1943 gebildet wurde, fahren daher die Züge vom Bahnhof Bobigny ab, der damit zu einem Bahnhof des Genozids an den europäischen Juden wird. Die neue von Brunner eingeführte Logistik stützt sich auf diesen Ort, offenbar in Verbindung mit dem Lager Drancy, das in der Cité de la Muette eingerichtet ist. Unter der Besatzung waren von Bobigny aus die heute zerstörten Hochhäuser der Siedlung in der Ferne sichtbar. Dort begann der Weg der Deportierten, indem sie in Autobusse stiegen, die zum Bahnhof fuhren. Sie kamen über die Route des Petits-Ponts, heute die Avenue Henri Barbusse, an. Der Bus fuhr über eine Zufahrtsstraße, eine Rampe, vor das Fahrgastgebäude in einen gepflasterten Hof. Eine Schranke trennte diesen Teil vom Güterbahnhof. Nachdem sie diese hinter sich gelassen hatten, stellten sich die Autobusse neben den Zug, der im Allgemeinen am Vortag am Gleis vor der Halle angekommen war. Er bestand aus mindestens 20 Güterwagen für die Gefangenen, in denen meistens 1.000 Personen verladen wurden. Es wurden auch Wagen und Waggons für die SS-Eskorte und ihr Gepäck angehängt. Nach der Abfahrt fuhr der Zug am Stellwerk am Ende des Geländes vorbei und auf der Linie der Grande Ceinture weiter. Dann setzte er seinen Weg in Richtung des Eisenbahnknotenpunktes Noisy-le-Sec und des Ostbahnnetzes fort.

 

ORT DER FEIERLICHKEITEN

 

Zu diesen Gebäuden und Eisenbahnstrecken kamen nach dem Krieg noch andere Spuren: jene der Industrie, da das Gelände genutzt wurde; oder Schilder erinnern an die tragischen Ereignisse, die hier geschehen sind. Denn die SNCF verwendet das Gelände bis Ende der 1970er-Jahre weiter. So werden die Flächen des Güterbahnhofes ab 1954 an ein Metallrückgewinnungsunternehmen vermietet. Dieses nimmt in den 1980er-Jahren das ganze Gelände ein und nutzt es bis Anfang der 2000er-Jahre. Die Zufahrtsstraße zum Gelände wird beseitigt, eine großflächige Anhöhe wird geschaffen, um das Alteisen besser in die Güterwaggons schütten zu können, die offen auf dem unter der Besatzung verwendeten Gleis abgestellt sind. So erklärt sich diese lange graue Stützmauer der Anhöhe gegenüber der Halle. Und inmitten dieses ab den 1970er-Jahren weiterhin betriebenen Geländes finden zwischen Schrotthaufen die ersten Feiern zu Ehren der Opfer statt.

 

Ancienne gare de déportation de Bobigny. © H. Perrot

Ehemaliger Deportationsbahnhof von Bobigny. © H. Perrot

 

Die ersten werden unmittelbar nach dem Krieg abgehalten, als die Familien und Opferverbände sowie das Konsistorium in Drancy den Opfern der Deportationen gedenken. In Bobigny werden 1948 am Fahrgastgebäude im Beisein des Ministers der Kriegsveteranen und des Präsidenten der SNCF drei Schilder von den Vereinigungen der ehemaligen Deportierten angebracht. Sie erinnerten an die 100.000 Deportierten, die „von diesem Bahnhof abgefahren“ sind - eine falsche Zahl - „und von denen der Großteil in den Vernichtungslagern der Nazi den Tod fand“, sowie an die Eisenbahner des Widerstands. Sie wiesen nicht darauf hin, dass die Deportierten dieses Bahnhofs ausschließlich Juden waren, die von den Nazi als solche bezeichnet und ermordet wurden. Die Gedenkfeiern an den Genozid finden später vor allem in der Rue Geoffroy-l’Asnier in Paris an der Schoah-Gedenkstätte und auf neue Art und Weise ab 1976 in Drancy vor der Statue von Shlomo Selinger statt. In Bobigny verhindert der Industriebetrieb die Einrichtung eines Gedenkrituals und erschwert jegliche Feier. 1992 bringt die Gemeinde ein neues Schild am Fahrgastgebäude an, das dieses Mal ausdrücklich darauf hinweist, dass von diesem Bahnhof mehr als 22.000 französische Juden deportiert wurden; ein weiteres Schild, das von der Vereinigung des Konvoi Nr. 73 veranlasst wurde, erinnert speziell an die Opfer dieses besonderen Transports, der am 15. Mai 1944 in die von den Nazi besetzten baltischen Gebiete abgefahren ist.

 

Ancienne gare de déportation de Bobigny. © H. Perrot

Ehemaliger Deportationsbahnhof von Bobigny. © H. Perrot

 

ERHALTUNG DER SPUREN IN EINER STÄDTISCHEN UMGEBUNG

 

Lange Zeit war die Resonanz, die dieser Ort und alle seine Spuren der Architektur, der Industrie und des Gedenkens hinterließen, nicht stark genug, um zur Entstehung eines Gedenkortes zu führen. Auf Initiative der Stadt Bobigny begann vor fast zehn Jahren ein wirklicher Nachdenkprozess über den Status, den dieser Ort erhalten sollte, und über die Notwendigkeit, die verborgenen Spuren zu erhalten und sie in der Öffentlichkeit in einem völlig veränderten und verdichteten Stadtgefüge bekannt zu machen.

 

Diese Spuren sind in der Regel nicht in Gedenkbauten integriert. Sie sind der Kern des Projekts zur Umgestaltung des ehemaligen Deportationsbahnhofs von Bobigny, das von der Stadt betrieben und insbesondere vom Verteidigungsministerium, der Region Île-de-France, der Fondation pour la Mémoire de la Shoah und der SNCF unterstützt wird. Es geht darum, im Zuge der Revision eines in allen seinen Epochen weitestgehend erhaltenen Geländes im Freien und rund um das Gedenken an die Deportationen der französischen Juden, dieses fragile Material dauerhaft zu erhalten, es zu beleuchten und in Beziehung zu setzen, um die Ereignisse, die sich dort abgespielt haben, besser zu erfassen und zu verstehen. Es geht um die Schaffung eines sensiblen Rundgangs, der die Erinnerung an die Opfer wachhält sowie die Ideologie und Vorgänge erklärt, di zum Genozid geführt haben.

 

Wir hören dort die Worte des Dichters Benjamin Fondane, der am 30. Mai 1944 von Bobigny deportiert wurde, als er sich vorstellte, ein „Brennesselstrauß unter [unseren] Füßen“ zu sein und sich an die Bürger von morgen wandte, die bald schon das Gelände von Bobigny entdecken werden: „Wenn ihr auf diesen Brennesselstrauß tretet, der ich gewesen bin, in einem anderen Jahrhundert, in einer Geschichte, die euch verjährt erscheinen mag, erinnert euch nur daran, dass ich unschuldig und, wie ihr alle, an diesem Tag sterblich war, auch ich hatte ein Gesicht, das von Wut, von Erbarmen und Freude geprägt war, einfach das Gesicht eines Menschen.“

On y entendra les mots du poète Benjamin Fondane, déporté de Bobigny le 30 mai 1944, lorsqu’il s’imaginait être un "bouquet d’orties sous [nos] pieds" et qu’il s’adressait aux citoyens de demain, ceux qui découvriront bientôt le site de Bobigny : "quand vous foulerez ce bouquet d’orties qui avait été moi, dans un autre siècle, en une histoire qui vous semblera périmée, souvenez-vous seulement que j’étais innocent et que, tout comme vous, mortels de ce jour-là, j’avais eu, moi aussi, un visage marqué par la colère, par la pitié et la joie, un visage d’homme, tout simplement.