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Die patriotischen Gedenkfeiern

Beinhaus von Champigny. © Gemeindearchiv von Champigny

Mit Ende des Ersten Weltkriegs entstand das Bedürfnis der Nation, die gefallenen Soldaten zu ehren und den nationalen Zusammenhalt rund um eine gemeinsame Erinnerung zu stärken. Heute gibt das Verschwinden der Akteure und Zeitzeugen dem Gedenken eine neue Daseinsberechtigung: den Orten einen Sinn geben und das Gedenken an die Vorfahren zu vermitteln.

Corps 1

Patriotische Gedenkfeiern sind Mittel, die eine Ehrung der „für Frankreich gefallenen“ Kämpfer ermöglichen. Sie wurden nach der „siegreichen Niederlage“ von 1870 eingeführt und nach dem Ersten Weltkrieg verstärkt. Dabei gehen sie auf ein Konzept von Ernest Renan zurück, das dieser 1882 in seiner berühmten Rede an der Sorbonne rund um das Thema der Nation darlegte.

„Eine Nation ist eine Seele, ein geistiges Prinzip. Zwei Dinge, die in Wahrheit nur eins sind, machen diese Seele, dieses geistige Prinzip aus. Eines davon gehört der Vergangenheit an, das andere der Gegenwart. Das eine ist der gemeinsame Besitz eines reichen Erbes an Erinnerungen, das andere ist das gegenwärtige Einvernehmen, der Wunsch zusammenzuleben, der Wille, das Erbe hochzuhalten, welches man ungeteilt empfangen hat.“

Diese Vergangenheit, die man aufrechterhalten möchte, ist vor allem jene der großen Männer, die der Nation Ruhm gebracht haben. „Eine heroische Vergangenheit, große Männer, Ruhm, das ist das soziale Kapital, worauf man eine nationale Idee gründet.“

Aber diese Vergangenheit ist auch und vor allem die der gemeinsamen Trauer. „Das gemeinsame Leiden eint mehr als die Freude! Die nationalen Erinnerungen und die Trauer wiegen mehr als die Triumphe, denn sie erlegen Pflichten auf, sie gebieten gemeinschaftliche Anstrengungen.“

in diesem Text von Ernest Renan findet sich das gesamte patriotische Gedenken. 34 Jahre vor der Einführung des Nationalen Tags vom 11. November verstand es der große Historiker und Philosoph, das Konzept der Zeremonie als Mittel für den nationalen Zusammenhalt zu erstellen.


Drei wesentliche Elemente gliedern diese Gedenkfeiern.

 

Verdun 1920

Die erste Gedenkfeier der Befreiung der Stadt Verdun, 23. Juni 1920. © Excelsior – L’Équipe/Roger Viollet

 

Lokalisierung der patriotischen Gedenkfeiern

Das territoriale Element steht an erster Stelle. Damit Gedenken möglich ist, braucht es einen konkreten Ort. Man hält kein Gedenken auf einem Feld oder in einer Straße ab, selbst wenn auf diesem Feld oder in dieser Straße historische Ereignisse stattgefunden haben. Man gedenkt an einem Grab, einem Denkmal, einer Stele oder einer Tafel.


Es wurden zwei Orte geschaffen, um die patriotischen Gedenkfeiern zu lokalisieren.
In erster Linie die Friedhöfe – jene Orte, an denen die für Frankreich gefallenen Kämpfer ruhen – und im Besonderen die Beinhäuser von 1870 sowie die Nationalfriedhöfe, die in der Zwischenkriegszeit geschaffen wurden. Diese Orte zeigen schnell ihre Grenzen auf. Man muss reisen, um dorthin zu gelangen – so wurde 1920 für die Witwen und Kinder der im Ersten Weltkrieg gefallenen Soldaten das Pilgerrecht geschaffen. Dieses Recht sollte sich als unzureichend erweisen. Von da an schien es notwendig, die konkreten Orte näher an die Lebensräume der Bewohner heranzubringen. Aus dieser Notwendigkeit ist das Kriegsdenkmal entstanden – eine schlechthin verlagerte Umsetzung, zumal dem Geburtsort des Kämpfers und nicht dem Ort seines Todes der Vorzug gegeben wird. Die Errichtung von 35.000 Kriegsdenkmälern in Frankreich ist die Basis für die Entstehung des patriotischen Gedenkens. Eine Entwicklung, die durch eine Strukturierung des Kalenders kanalisiert werden musste

 

Auriol 1951

Vincent Auriol (1884-1966), französischer Staatspräsident, entzündet die Flamme des unbekannten Soldaten bei einer Feier am Triumphbogen, 8. Mai 1951. © LAPI/Roger-Viollet

 

Kalendarische Auswahl

Es folgt das kalendarische Element. In den patriotischen Kalender der Republik wurden zwei Arten von Gedenkdaten aufgenommen. Die Daten, die sich auf eine Schlacht oder eine Tragödie vor Ort beziehen, jene der Befreiungen von Gemeinden, der Kämpfe von Widerstandsgruppen, der Razzien und Erschießungen oder der Schlachten des Ersten Weltkriegs. Diese stets historischen Daten sind aus dem Zusammentreffen zweier Akteure entstanden, den Veteranenverbänden, die jene umfassen, die sagen können „ich war dort, ich habe es gesehen und die Gefallenen sind diejenigen, die mit mir gekämpft haben“ und den Gemeinden, die sich um die Gestaltung und Verwaltung der Feierlichkeiten kümmern. Ursprünglich war das bei allen großen Feierlichkeiten so, sowohl in Verdun als auch an den Landungsstränden.

Angesichts dieses „aus dem Territorium entstandenen“ Kalenders hat der republikanische Staat mit der Absicht einer Vereinheitlichung des Gedenkens allgemeine Daten vorgegeben. Nach dem Vorbild des 14. Juli, der seit 1881 im nationalen Kalender verankert ist, führt das Parlament nach dem Ersten Weltkrieg drei nationale Tage ein (Ehrung von Jeanne d’Arc, Tag der für Frankreich Gefallenen am 1. November und den 11. November). Nach dem zweiten Weltkrieg werden zwei neue Daten festgelegt, der Tag der Deportation und der 8. Mai. Jeder dieser fünf Tage wurzelt in der Geschichte, auch wenn als Tag der Deportation das Datum (der letzte Sonntag im April) gewählt wurde, an dem die Befreiung des Lagers von Mauthausen stattfand und nicht die Befreiung anderer Lager, insbesondere das in Auschwitz.

Die Verfassung der V. Republik bringt einen regelrechten Umbruch mit sich. Seit 1959 hat der französische Staatspräsident die Möglichkeit, die Einführung neuer Gedenktage zu beschließen. Für General de Gaulle zielt diese Entscheidung darauf ab, solche Neueinführungen durch ein Parlament zu behindern, das er gegenüber Interessengruppen für zu schwach hält. Das Gegenteil geschah jedoch. Die späteren Präsidenten der Republik schufen seit 1959 zehn nationale Gedenktage. Diese Tage, die in vielen Gemeinden Frankreichs die Träger der Feierlichkeiten sind, haben sich für viele von den historischen Daten entfernt und „heftige Gedenkkämpfe“ hervorgerufen.

 

cérémonie débarquement Provence 2014

Feiern zum 70. Jahrestag der Landung in der Provence, im Beisein von Veteranen der afrikanischen Armee,
15. August 2014, an Bord des Flugzeugträgers Charles de Gaulle. © R. Senoussi/DICoD

 

Veteranen, Akteure des Gedenkens

Schließlich das liturgische Element. Nach der siegreichen Niederlage von 1870 und im Zusammenhang des Streits zwischen den Regierungen und den Verantwortlichen der katholischen Kirche zeichnet sich die Liturgie der patriotischen Feiern ab. Sie ahmt die katholische Liturgie nach. Die Schweigeminute, die Andacht, das Wort des Zelebranten, feierlicher Gesang (die Marseillaise), das Einholen der Fahnen und das als Altar fungierende Denkmal sind etliche Elemente, die an einen Gottesdienst erinnern.
Von diesen drei Bestandteilen abgesehen verdanken die patriotischen Gedenkfeiern ihren Vorbildcharakter ihren Gastgebern. Seit 1870 werden die Feierlichkeiten von und für ehemalige Kämpfer geschaffen – die damals Veteranen genannt wurden. Die in Verbänden zusammengeschlossenen ehemaligen Kämpfer sind die Akteure des gelebten Gedenkens. Sie sind aufgrund ihrer Nähe zu ihren im Kampf gefallenen Waffenbrüdern die Wortführer. Sie versammeln sich zu den zehnjährlichen „großen Jahrestagen“ und insbesondere zum 20. Jahrestag des Ersten Weltkriegs – in Verdun 1936 und überall in Frankreich am 11. November 1938; später zu den sogenannten Jahrestagen der beiden Weltkriege, insbesondere 1954 (40. und 10. Jahrestag), 1964 (50. und 20.) und 1984 (70. und 40.).

Die Bedeutung dieser Gedenkakteure ist so groß, dass zuerst ihre innere Veränderung und dann ihr demografischer Rückgang die Zukunft des Gedenklebens beeinflussen.

Zuerst die Veränderung. Die 40. Jahrestage stechen als jene Zeit hervor, in der all diejenigen, die sagen können „ich war dort“, das Rentenalter erreicht haben und daher die Mehrheit bei der Feier sind. Das ist der Fall bei den Feierlichkeiten von Verdun 1956 sowie bei jenen am 6. Juni 1984. Ab dem 40. Jahrestag setzen sich die Veteranen der späteren Generationen als Nachfolger durch. 1968 sind am 11. November die Veteranen der zweiten Waffengenerationen, jene von 39/45, die Mehrheit, wie es jene aus Algerien am 6. Juni 1994 in der Normandie sind. Der 70. und der 75. Jahrestag sind die beiden Feierlichkeiten, die den Schlusspunkt der Teilnahme jener markieren, „die dort waren“.

 

monument OPEX

Ehrenmal für die in Auslandsoperationen für Frankreich Gefallenen, das am 11. November 2019 im Park André Citroën in Paris eingeweiht wurde.
© Philippe Servent/Présidence de la République

 

Wie gestaltet sich die Zukunft der patriotischen Gedenkfeiern?

Die Aufeinanderfolge von drei Kriegsgenerationen durch „Übergabe“ – jene des Ersten Weltkriegs, des Zweiten Weltkriegs und der Entkolonialisierungskriege (Indochina, Algerien) – ermöglichte die Verlängerung der Rolle der Veteranenverbände als Betreiber des Gedenkens über fast ein Jahrhundert. Die vierte Kriegsgeneration – die der Auslandsoperationen (OPEX) – umfasst fast 200.000 Veteranen. Sie weist jedoch eine starke Heterogenität bezüglich der Einsatzdaten und -orte auf und markiert einen Umbruch bei der Rekrutierung – die OPEX-Soldaten sind Berufssoldaten. Durch die altersmäßige Homogenisierung – die Mehrheit dieser Soldaten gehört zur erwerbstätigen Bevölkerung – stellt diese Generation die Frage nach der Zukunft des französischen Modells der Gedenkveranstaltungen.

Während die Hundertjahrfeier des Ersten Weltkriegs die Möglichkeit bot, die Veteranen der dritten Kriegsgeneration zu mobilisieren, die sich überall als „natürliche Nachfolger der französischen Frontsoldaten (Poilus) des Ersten Weltkriegs“ durchsetzten, wird sich die Frage für die großen Jahrestage des Zweiten Weltkriegs ab dem 80. Jahrestag (insbesondere in den Jahren 2024 und 2025) stellen. Wer werden in Zukunft die Akteure des Gedenkens sein?

Der Übergang von der Erinnerung an den Menschen – die den Menschen, den ehemaligen Kämpfer in den Mittelpunkt stellte – zur steinernen Erinnerung – die den Ort in den Mittelpunkt stellt, an dem das Ereignis, dem gedacht wird, stattfand – lässt die Frage der Akteure des Gedenkens offen.

Denn in einer Demokratie hat der Staat nicht die Möglichkeit, die Bürger zu mobilisieren, wenn sie nicht rund um einen Kern aus Verbänden strukturiert sind. Daher geht es um den Aufbau einer neuen Vereinswelt – jener der Gedenkverbände – die sich als Nachfolger und Fortsetzer der Vereinswelt der Veteranen durchsetzen sollten.

Diese Gedenkwelt, die aus fünf Familien besteht – den Erben der Veteranenverbände, die ihren Erinnerungskampf fortsetzen, den „Bewahrern“ der Gedenkstätten, die Orte mit Erinnerungen an den Kampf pflegen und aufwerten, den Nachstellern historischer Ereignisse, die mit der Ausrüstung und dem Material von damals die Geschichte zeigen, den Ahnenforschern, die Millionen von Franzosen ermöglichen, ihre Familiengeschichte zu rekonstruieren und ihre kämpfenden Ahnen kennenzulernen, sowie schließlich den Vereinigungen für pädagogische Zwecke, die das Wissen über unsere militärische Geschichte vertiefen und verbreiten – muss unbedingt koordiniert werden. Denn von dieser neuen großen Vereinsfamilie hängt nunmehr die Zukunft der patriotischen Gedenkfeiern ab.

 

Serge Barcellini - Präsident von Souvenir français