Lettre d'information

Maurice Genevoix

1890-1980
© Famille Genevoix

Über Maurice Genevoix selbst

 

Maurice Genevoix wird am 29. November 1890 in Decize (Nièvre), „einer Kleinstadt an der Loire“, geboren.

Seine frühen Vorfahren waren Schweizer und glühende Katholiken, die in Frankreich Zuflucht gefunden hatten, als sie vor der Verfolgung durch die Calvinisten flohen. Daher stammt ihr Name Genevois, wobei das „x“ des Limousin später das „s“ ersetzt hat. Sein Vater Gabriel Genevoix, Sohn und Enkel von Apothekern und selbst Handelsagent, lässt sich kurz nach seiner Heirat in Châteauneuf sur Loire nieder. Er ersetzt seinen kranken Schwiegervater, der einen Lebensmittelgroßhandel leitete.

Meine Mutter war zwanzig Jahre alt, als ich das Licht der Welt erblickte. In ihren Armen gelangte ich ein Jahr später nach Châteauneuf. So als wären wir dem Wasserlauf gefolgt, als hätten wir uns gleichsam dem Strom und symbolisch dem Schicksal hingegeben.

Châteauneuf sollte ihn lange festhalten. Hier erlebte er mit seinem jüngeren Bruder René, der 1893 zur Welt kam, die glücklichen, unbeschwerten Jahre einer wahren, tatendurstigen Kindheit, die ein „absolutes Geschenk“ war. Sie formt seine aufkeimende Sensibilität und er lernt Tag für Tag „eine unendlich unberührte, wunderbare, unerschöpflich blühende Welt“ kennen.

Für mich verlief das Leben im Tempo der Kindheit, in der jeder Tag zur kleinen Ewigkeit wird.

Diese „Welt“ ist auch jene der „Kinderkrippe“, der Kindergarten, in den man ihn mit 22 Monaten brachte. Später jene der „großen Schule“, der Gemeindeschule, wo er das Kreuz trägt, mit dem die guten Schüler ausgezeichnet werden. Dies hindert ihn nicht daran, ein „ungestümes“ Kind zu sein.

Wir steckten voller ohrenbetäubendem Tatendrang. Als ich nach der Mittagspause in die Schule zurückkehrte, hörte ich ein gutes Stück vor der Rue du Mouton, wie sich das Geschrei von hundert unreifen Stimmen über die Dächer erhob. Und ich begann zu laufen.

Alle waren „Schüler“, alle mit schwarzer Schürze, alle solidarisch, alle gleich vor den Propheten des Laizismus; und trotzdem so verschieden, wie ihre bürgerlichen Eltern.“

Er sollte oft über sein Familienleben in Châteauneuf sprechen, seine zärtliche und lebensfrohe Mutter Camille, das „Geschäft“, wo er die Düfte und Geräusche des Lebens entdeckte, und die drei Häuser, in denen er nacheinander lebte.

Je mehr meine Persönlichkeit als Kind erwachte, meine eigene Art der Wahrnehmung und des Fühlens, stürzte ich mich begierig in die Welt, die sich mir bot. Ich entdeckte die Straße, die Gärten, die kleinen Leute der Werkstätten und Läden, auch die Flussufer, die gepflasterten Anlegeplätze, wo die schweren Vertäuungsringe unter dem Gras und Rost schlummerten, die kleinen, geteerten Boote der Fischer, die drehbare Weißfischbank mit dem seifigen Strudel an der Rückseite der schwimmenden Wäscherei.

Mehr denn je halte ich es für ein großes Privileg, meine gesamte Kindheit in einer französischen Kleinstadt vor 1914 verbracht zu haben. “

Alles ändert sich jedoch, als er mit 11 Jahren für sieben Jahre als Internatsschüler auf das Gymnasium von Orléans, das 20 Kilometer entfernt liegt, kommt.

Zum ersten Mal sah ich mich in eine Liste eingetragen: Nummer 4. Man würde ans Militärleben denken, wenn man in den ersten Jahren dieses Jahrhunderts nicht auch das Leben eines Internatsschülers in einem Gymnasium der französischen Präfektur gekannt hätte. Alles, woran man beim Wort „Kaserne“ denkt, habe ich mit 10 Jahren im Pothier-Gymnasium, Rue Jeanne d’Arc in Orléans kennengelernt: ein Jurist, eine noble, kalte Straße, gerade und „unnachgiebig wie die Gerichtsbarkeit“, schnurgerade und streng zwischen der Rue Royale und der Sainte-Croix-Kathedrale.

Trost spenden ihm der intensive Kameradschaftssinn, seine Zeichenbegabung und der wunderbare Schatz der Literatur, die ihm eine andere Welt eröffnet. Jules Verne langweilt ihn, er begeistert sich für Heimatlos von Hector Malot, bevor er sich auf London oder Kipling, Daudet, Dumas und vor allem Balzac stürzt, der ihn „fast erstickt. Was für ein Schock!“  Und er wartet nur auf eines: den Sonntag und die Ferien, damit er wieder in die Freiheit und die Wärme des Familienlebens zurückkehren kann.

1903 jedoch, als er zwölf Jahre alt ist, verliert er seine Mutter.

Am 14. März 1903 wurde ich am Morgen eines unbeschreibbar prächtigen Vorfrühlingstages mitten im Studium zum Schulleiter gerufen. Er hat mich, wenn ich so sagen darf, „vorbereitet“. Er war betreten, sicherlich bemitleidenswert, und hatte vielleicht gezögert, mir sofort den Schlag zu versetzen. Sein Blick und seine lavierende Stimme versetzten mich jedoch ab dem ersten Moment in die tiefe, zerstörerische Verzweiflung eines ungemein verletzten Jugendlichen, dem die größte Härte widerfahren war.

Derjenige, der mit Sommer- und Ferienbeginn endlos an den Ufern der Loire herumirrt, fand in Châteauneuf ein Haus ohne Licht und einen Vater vor, der so von Kummer überwältigt war, dass eine von Tag zu Tag schwerere Traurigkeit zu Erfordernissen führt, die ein Knabe so nah an der Kindheit nicht erkennen und verstehen kann. Der heftige Hunger nach Freiheit, den das Internat heimlich in seinem Unterbewusstsein keimen lässt, treibt ihn zu so einer Intoleranz, die der verwundete Mann nicht toleriert. Daher flieht er und enttäuscht damit eine Einladung, die nicht ausgesprochen wird.

Seitdem... Es gibt sicher eine Weltordnung, ich weiß das, ich habe das gelernt, die nur mit dem Tod einer jungen Frau, eines Kindes zu tun hat. Aber ich weiß auch genau, dass meine Auflehnung eine Männerangelegenheit war, dass meine Ablehnung hinter diesem geschlossenen Grab mein eigenes Überleben rechtfertigte, meine Zustimmung zur Welt, zur Schönheit der Morgendämmerung und der Abende, zur Reinheit der Luft, die wir atmen, zu den Kindern, die ich selbst haben sollte. Wie viele Jahre lang bin ich in manchen Nächten mit vor Freude hüpfendem Herzen aufgewacht, mit dem in den Ohren schwingenden Klang einer Stimme, die mich gerade gerufen hatte, mit warmen Händen der mütterlichen Umarmung? Süße Tränen liefen über mein Gesicht, sogar nach dem Aufwachen. Als alter Mann, der ich geworden bin, habe ich eine junge, lachende und zärtliche Mutter wiedergefunden und bewahrt; sie ist es auch heute noch, nach den Prüfungen der Jahre, die mein Herz im Grunde wieder aufleben lässt, die unbesiegbare Liebe zum Leben, die erst mit mir erlöschen wird.

Maurice Genevoix ist ein brillanter Schüler und sein Vater beschließt, ihn sein Studium fortsetzen zu lassen. „Bald schon, mit dreizehn oder vierzehn Jahren, war ich vom Bedürfnis getrieben, mich auszudrücken, zu schreiben.

Er verlässt Orléans, um die Vorbereitungsklassen am Lakanal-Gymnasium in Sceaux zu besuchen: „Dort gab es einen Park, wo wir Pfeifen rauchen konnten, und eine Damwildfamilie, die wie wir in einem Gehege gefangen war.“

Auch wenn er die Arbeit nicht scheut, bleibt er auf Freiheit erpicht und ist gerne aufsässig, indem er über den Gatter des Parks springt, um jeden Morgen seinen Kaffee vom Café in Bourg la Reine zu holen.

Nachdem er 1911 an der Ecole Normale Supérieure in der Rue d‘Ulm aufgenommen wurde, beschließt er, seinen Militärdienst vor Beginn seiner dortigen Studien abzuleisten. Er wird dem 144. Infanterieregiment in Bordeaux zugeteilt. Im Gegensatz zu dem, was man glauben könnte, belastet ihn dieses Jahr der „militärischen Pflichten“ aber nicht.

Im Vergleich zu den schulischen Pflichten hinterließ es im Grunde genommen die Erinnerung an eine heitere Befreiung, die von komischen Episoden durchdrungen war...

Er denkt sogar begeistert an seine Zeit im Bataillon von Joinville zurück.

Diese Wochen und dieses Jahr dort zählen sicher zu den schönsten meines Lebens. Begeisterung, Harmonie, Herausforderungen an sich selbst, das einfache tägliche Glück, staunend die Ressourcen eines Körpers zu entdecken, der immer den Kühnheiten seiner Jugend gleicht. “

In der Rue d‘Ulm ist er von 1912 bis 1914 Schüler des Historikers und Direktors der Schule Ernest Lavisse, der 1916 das Vorwort zu seinem ersten Buch Sous Verdun (Vor Verdun) schreibt.

Die Schule setzte mit ihren freien Begegnungen, ihrer freien Wahl, ihrer Fülle und ihren gegensätzlichen Individuen den Zauber meiner frühesten Jugend auf anderer Ebene fort.“

Die Ironie, die Weigerung getäuscht worden zu sein, die Virtuosität eines kritischen Geistes, der eifrigen Übens unterzogen wird... Das Beste, was ich der Normale verdanke, verdanke ich deren Schülern.“

Er verdankt es auch zwei Männern: Paul Dupuy, dem Generalsekretär der Schule, mit dem er dreißig Jahre lang fast täglich korrespondierte und Lucien Herr, dem Bibliothekar, „der alles wusste und vor allem jedem den Schlüssel gab, den er brauchte.“

Dupuy und Herr (…) bleiben in meinen Augen die Verwahrer und Vorbilder eines zu sehr in Vergessenheit geratenen oder verkannten Humanismus, dessen Niedergang oder Vernachlässigung unserer Zeit nicht zur Ehre gereicht.“

Bei seinem Hochschulabschluss legt er 1913 eine beachtete Diplomarbeit über den „Realismus der Romane von Maupassant“ vor, die ihm eine brillante Universitätskarriere zu versprechen scheint.

Als „Primus“ der Promotion sah ich den leichten Weg einer Universitätskarriere vor mir. Zumindest virtuell hatte ich bereits meine Wahl getroffen. Ich fühlte mich nicht für das Lehramt am Gymnasium berufen. Wenn ich mir die Schüler vorstellte, waren sie mir dem Alter nach nahe. Auch wenn ich Lust verspürte, Neugierde zu wecken, wollte ich, dass dies ohne Zwang, ohne Gedanken an vorgegebene Lehrpläne geschehen sollte, die man im Schuljahr „unter Dach und Fach bringen“ musste. Deshalb hatte ich vor, mich mit Beendigung der Schule an ausländische Universitäten entsenden zu lassen.“

Der Kriegsausbruch lässt ihm keine Zeit, sein Staatsexamen abzulegen. Am 2. August 1914 wird er mobilisiert und kommt als Leutnant zum 106. Infanterieregiment nach Châlon-sur-Marne. Er bricht auf, ohne Blume am Gewehr und zutiefst traurig, gleichzeitig aber „neugierig; in alle Richtungen offen und aufnahmefähig war ich so sehr beteiligt, dass ich meine Furcht oder Angst vergaß.“

Jedoch führt ihn „dieses riesige Getümmel, das nach menschlichem Maß ungeheuerlich blieb“ nach ein paar Wochen in eine Welt aus Blut, Schmerz und Grauen.

Immer alles: der Regen auf dem leichenblassen Rücken eines Toten, die Granaten, die begraben und ausgraben, und die einschlagen und auf diese seltsame schrille Art pfeifen, die ekelhaft höhnisch und fröhlich wirkt.

Mit zunehmender Müdigkeit blitzen bei den Einschlägen immer öfter fiebrige Bilder auf: springen, der ganze Körper in Fetzen; auf die Brüstung zurückfallen, mit kaputtem Rücken, wie Legallais; keinen Kopf mehr, den Kopf mit einem Schlag abgerissen, wie der von Grandin, von Ménasse, von Libron, der zu uns gerollt ist, nachdem er vom benachbarten Granattrichter in seinem Kopfschützer aus brauner Wolle zu uns geworfen wurde; von Scholle zu Scholle diese kleinen schmutzigen Sachen verstreuen, die man mit ausgestreckter Hand aufheben könnte und die von woher kommen und wie geheißen haben? Desoigne? Duféal? Oder Moline?

Das wird uns kaum verlassen; wir spüren unser angespanntes Zwerchfell, wie von einer fast unbeweglichen Hand zusammengedrückt. Die Schulter von Bouaré ist an meine gelehnt und beginnt zu zittern, leicht, endlos und irgendwo steigt ein Klagen aus dem Schoß der Erde hervor, ein gleichmäßiges Stöhnen, eine sehr langsame Art des Summens. Wo ist das? Wer ist das? Dort drüben gibt es Verschüttete. Wir suchen; das lenkt ab.

Er nimmt an der Marne-Schlacht und am Marsch auf Verdun teil. Nach vier Monaten in den Eparges wird sein Bataillon auf die „Tranchée de Calonne“ geschickt, eine strategische Forststraße entlang der Maas-Anhöhen. Dort wird er am 25. April 1915 von drei Kugeln am Arm und an der Brust getroffen, die ihm die Oberarmarterie durchtrennen. Er wird ins Krankenhaus von Verdun evakuiert, dann nach Vittel, Dijon und Bourges. Für ihn ist der Krieg zu Ende. Nach siebenmonatiger Pflege wird er dienstunfähig zu 70 % invalide entlassen.

Im August 1916 kehrt er nach Paris zurück, um ehrenamtlich bei der französisch-amerikanischen Bruderschaft (Fatherless Children Association) zu arbeiten. Auf Einladung von Paul Dupuy wohnt er in der Ecole Normale. Empört nimmt er jedoch den Vorschlag des neuen Direktors der Schule, Gustave Lanson, auf, seine Studien im Hinblick auf das Staatsexamen wieder aufzunehmen.

Mein Herr, wir haben uns sehr verändert. Von Grund auf, in Wahrheit. Moral, Kultur, Gerechtigkeit, es gibt nichts von dem, an das wir beim Wort Zivilisation denken, das wir nicht in Frage stellen mussten.

Paul Dupuy ermutigt ihn seit einigen Monaten, ein Buch über seine Kriegserinnerungen zu schreiben, die er in kleinen Heften festgehalten hatte. Das sollte Sous Verdun (Vor Verdun) sein, das er in wenigen Wochen schrieb. Es erschien 1916 mit einem Vorwort von Ernest Lavisse und wurde weitgehend zensuriert. Auf dieses erste Buch folgten Nuits de guerre (1917), Au Seuil des Guitounes (1918), La Boue (1921), Les Eparges (1923). Alle diese Bände, die einhellig gelobt wurden, sollten später unter dem Titel Ceux de 14 (Die von 14) zusammengefasst werden.

Diese Kriegsbücher wurden in Châteauneuf geschrieben. Auf Anordnung der Ärzte – er war an der spanischen Grippe erkrankt – musste er Paris verlassen. Jedoch wurde diese Anordnung für ihn sehr bald „zu einer freien Entscheidung“. Bei seinem Vater in Châteauneuf fand er im „Rausch“ und leidenschaftlich wieder die Lebensbereiche seiner Kindheit vor, wo sich während seiner Abwesenheit nichts geändert hatte. Nachdem er „Kriegsschriftsteller“ war, sollte er mit seinem ersten Roman Rémi des Rauches (1922) auch Maler des Loire-Gebiets werden. Das Buch beschreibt die Rückkehr ins Leben und das Wiedersehen mit dem Fluss und seinem Land des Lichts. Nichtsdestoweniger ist es die Fortsetzung seines Werks über den Krieg.

Rémi des Rauches ist aus 1922; Ich habe es nach La Boue und vor Eparges geschrieben (…) Es ist aber immer noch ein Buch über den Krieg, auch wenn darin in keinem Moment an den Krieg erinnert und dieser nicht einmal erwähnt wird.“

Aber der Fluss ist zugleich beruhigend, befreiend, und er sollte ihn nunmehr unaufhörlich verherrlichen.

Das war die Loire. Als Herrscherin über alle Stunden, die vergehen, Spiegel des Mondlichts und sternenreicher Nächte, des rosaroten Morgendunstes im April, der feinen Wolken, die den Abendhimmel im September durchziehen, der langen, durch die Wolken des Sommers geschleuderten Sonnenstrahlen, ergriff sie diesen Abend, der vorüberzog, und nahm ihn von einem Augenblick auf den anderen mit ihrem ruhigen Wasser sanft in die Nacht mit.“

1925, mit 35 Jahren, veröffentlicht Maurice Genevoix Raboliot, wofür er den Prix Goncourt erhält.

Das herrliche Buch! Das herrliche Buch, voll von Düften, Kraft, Menschlichkeit... Dieser einfache, klare und außergewöhnliche Stil, in dem sich die kleinsten Details zeigen, die Farbe der Blätter, die Schattierungen des Horizonts; die äußerste Präzision des flüchtigen Blicks, der genaue, kurze Vergleich, mit einem Wort diese bewundernswerte Gabe der Beschreibung... Auch die schöne Einheit des Werks, denn der Autor führt darin das, was er möchte, was er fühlt von Anfang bis Ende aus: der Satz ist flexibel und gleichzeitig ängstlich, abgeschlossen, geformt... Ja, es ist ein herrliches Buch“, schreibt die Jury, die es auszeichnet.

Zum Schreiben ließ er sich für einige Wochen in einem von seinem Onkel erworbenen Jagdgebiet zwischen Sauldre und Beuvron nieder.

An einen Birkenwald gelehnt, von Becken für Setzlinge umgeben, mit Blick auf den schönen Clousioux-Teich, der von Bussarden und Reihern heimgesucht wird, welches Hauptquartier wäre besser für die Pläne, über die ich nachdachte, geeignet gewesen als das Haus des Jagdaufsehers Trémeau? Dort verbrachte ich Tage und Nächte, von denen nicht eine Stunde unnütz verging oder von Leere erfüllt war: ein Zusammenwirken zwischen dem Land und mir, den felsigen Weiden, den vereinzelten runden Eichen im leichten Dunst von Beuvron, das Bellen eines Fuchses, der einer Fährte folgt, das Gebrüll einer Rohrdommel im Röhricht, der Tagesbeginn, der erste Stern, ein hüpfender Karpfen, der Gleitflug eines Bussards auf der Jagd.“

Vorbilder für Wilderer hatte er jedoch nicht getroffen. Er ist der einzige, oder mit den Jagdaufsehern, der verstanden hatte, die „Angst“ abzuschütteln, mit der Laterne zu gehen, die Schlingen auszulegen. Als freier Mann, der sich gegen jede Form der „Vereinnahmung“ sträubt, wie er es selbst oft ausdrückt, gibt er Rebellen und Aufständen den Vorzug. Sein gesamtes Werk, von Raboliot bis zum großen Rothirsch in La Dernière Harde, verherrlicht die Freiheit, die er als natürliches Gut ansieht.

Der Instinkt der Freiheit (…) hat mich in Stunden der Entscheidungen immer wie ein guter und zuverlässiger Kamerad geleitet.“

Der Erfolg in den Jahren 1925, 1926 und 1927 führt Maurice Genevoix keineswegs von seiner Heimat weg, sondern ermöglicht ihm, seinen Anker am Ufer der Loire in einem Haus nach seinem Geschmack zu setzen. Bei einem Spaziergang nach Saint-Denis-de-l’Hôtel im Jahre 1927 findet er eines Tages zufällig ein kleines Landhaus, „das von Menschen verlassen, aber von Vögeln und Pflanzen bevölkert war, die hier in Freiheit erblühten“. Es ist Les Vernelles. „Ich habe die Nester gar nicht vertrieben, jene der Rotschwänzchen unter den Dachvorsprüngen, jene der Amseln in der Hecke, jene der Klappergrasmücken in den buschigen Weiden am Abhang. Von dort aus habe ich zwanzig Jahre lang Tag für Tag die sich mit den Jahreszeiten wandelnden Farben am Himmel betrachtet und die Glocken von Jargeau gehört, die jenen von Saint-Denis antworten. Hier kehre ich jedes Jahr zurück, um die Walderdbeeren reifen zu sehen, bis der Parasol seinen Hut unter den Akazien hebt und die Grasbrände, deren Rauch aus dem Tal hochsteigt, den Abflug der Zugvögel ankündigen.

Nach dem Tod seines Vaters, der im Juli 1928 an einer kurzen Lungenentzündung stirbt, beschließt Maurice Genevoix, das Ende des Sommers in Les Vernelles zu verbringen. Dort hält er sich mit Angèle auf, die seit 1898 im Dienste der Familie stand. Mit im Gepäck haben sie eine Katze, welche die Reize von Les Vernelles so sehr genießt, dass sie sich bei ihrer Rückkehr nach Châteauneuf im September wieder auf den Weg zurück nach Saint-Denis-de-l’Hôtel macht. Diese Anekdote über das Haustier macht Genevoix zu einem Roman, Rroû récemment réédité avec une préface d’Anne Wiasensky (1931). Dieses Werk kennzeichnet mit La Boîte à pêche (1926) den Beginn einer besonderen Leistung im Schaffen von Maurice Genevoix, den „Roman-Gedichten“ wie Forêt voisine (1933), La Dernière Harde (1938), Routes de l’aventure (1959) und die Bestiaires (Tendre bestiaire und Bestiaire enchanté 1969, Bestiaire sans oubli 1971), die großteils in Les Vernelles geschrieben wurden.

Anfang 1939, zwei Monate nach dem Tod seiner ersten Frau, verlässt er Les Vernelles für eine mehrmonatige Reise nach Kanada, wo er eine Reihe von Vorträgen halten soll. Er sollte bis zum Vorabend des Krieges dort bleiben. Der Liebhaber der Loire-Ufer sucht mit dieser Reise keine Abwechslung, sondern im Gegenteil „den Einklang mit sich selbst“. Nach Frankreich zurückgekehrt, veröffentlicht er seine Reiseberichte (Canada, 1943) und widmet diesem Land mehrere Werke: zuerst eine Sammlung von Novellen, Laframboise und Bellehumeur (1942), dann einen Roman, Eva Charlebois (1944). Kanada sollte auch noch in Les Routes de l’Aventure (1959) und im Zuge der Kindermärchen L’hirondelle qui fit le printemps (1941) und L’Ecureuil du Bois-Bourru (1947) vertreten sein.

Von allen Ländern, in die mich meine Wege als Reisender führten, hat mich Kanada am meisten begeistert und gefangen genommen (...) Es hat mir Themen geboten, die wie von selbst mit meiner inneren Welt übereinstimmten.“

1940 verlässt er Les Vernelles und lässt sich zwei Jahre lang in einem Dorf des Aveyron in der freien Zone nieder. Dort schreibt er La Motte rouge (1946), ein schrecklicher Roman über die Intoleranz und die Religionskriege, den man ohne das Wissen über die Besatzung nicht lesen kann, wie das Epigraph beweist: „Es war eine äußerst unheilvolle, elende Zeit.“

Dort verfasst er auch ein „Tagebuch der demütigenden Zeiten“, das in den Turbulenzen verschwand und erst viel später wiedergefunden wurde. Er trifft dort seine zweite Frau, Suzanne Neyrolles, die auch Witwe und Mutter einer kleinen Tochter, Françoise, ist.

Nach der Invasion der Deutschen in der Südzone, kehren alle drei nach Les Vernelles zurück. Das Anwesen war jedoch geplündert und verwüstet worden. Er erwägt dessen Verkauf, aber Suzanne Genevoix setzt sich dafür ein, ihm sein Gesicht und seine Seele zurückzugeben. Ihre gemeinsame Tochter Sylvie kommt dort am 17. Mai 1944 zur Welt.

Sie lachte, hob die Augen zu mir, ließ mich Zeuge ihrer Freude sein, ganz im Einverständnis mit der Welt, ihren Wundern, ihren wunderbaren Strömen. Was ist die Liebe, wenn sie nicht teilt, wenn sie nicht akzeptiert, was sie aus demselben Antrieb empfängt, aus dem sie schenkt und gibt?

Nach Kriegsende nimmt er seine Reisen und Vortragsreihen wieder auf, die ihn diesmal nach Europa, in die Vereinigten Staaten, nach Mexiko und Afrika (Tunesien, Algerien, Marokko, Senegal, Mauretanien, Guinea, Nigeria) führen. Nach Kanada regt Afrika seine Kreativität und Fantasie an. Afrique blanche-Afrique noire, ein Werk mit Reiseimpressionen, erscheint 1949 und der Roman, Fatou Cissé, der ebenfalls von Afrika beeinflusst ist, im Jahr 1954.

Aufmerksam betrachtet er die Probleme jeder Art, auf die er in diesen Ländern stößt, mit ihren politischen Aspekten. Reisen ermöglicht ihm jedoch vor allem, die Vielfalt von Landschaften und Bräuchen zu entdecken, Lebens-, Verhaltens- und Denkweisen kennenzulernen, die er als universell bezeichnet.

Ich habe mich anderen Kulturen genähert, ihre echte Wärme wahrgenommen und in mir das Gefühl der menschlichen Brüderlichkeit gespürt, das meine Reisen dort mitten unter echten Menschen weckten.

Nach seiner Wahl zum Nachfolger von Joseph de Pesquidoux in die Académie Française 1946 wurde er am 13. November 1947 von André Chaumeix empfangen.

Hier geht man nie allein hinein ...Für die Männer meines Alters sind es die Schatten dieser Verstorbenen, die das Gesicht der Jugend für immer bewahrt haben und bewahren werden. Diese jungen Toten des Krieges wurden unserer Jugend und unseres reifen Alters schmerzlich beraubt...

Ich halte mein Glück für ein ergreifendes Privileg, dass ich ein Dritteljahrhundert lang Menschen frei begegnen konnte, die ganz und gar so verschiedene Menschen wie die meisten meiner Kollegen sind. Ich habe viele von ihnen bewundert, ich habe sie alle respektiert und mit einigen Freundschaften geschlossen, die zum Stolz meines Lebens zählen.

Im Oktober 1958 wird er ständiger Sekretär der Akademie. Er entstaubt die ehrwürdige Institution, stattet sie mit großen Literaturpreisen aus, setzt sich für die Wahl von Paul Morand, Julien Green, Montherlant usw. ein.

Er achtet auch darauf, dass die Akademie an allen Organisationen beteiligt ist, die für die Verteidigung des Französischen zuständig sind. Auf seinen Antrieb hin behauptet sie ihre Präsenz und Kompetenz im 1966 gegründeten Haut Comité de la langue française und im Conseil international de la langue française.

So oft wie möglich kehrt er für „Tage (seiner) persönlichen Arbeit“ nach Les Vernelles zurück, muss sich jedoch auf kürzere Werke beschränken. Märchen und Erzählungen für Kinder, vor allem Le Roman de Renard (1958), der zum Spaß „die Tiere sprechen“ lässt, aber in der literarischen Metapher auch eine Hymne an die Freiheit ist.

Der Kampf ist hart und endlos für denjenigen, der in diesem Jahrhundert seine Freiheit retten will.“

Es erscheinen auch mehrere autobiographische Schriften: Au Cadran de mon clocher (1960) und Jeux de Glaces (1961). Er findet auch „die Mythen, die (sein) Schaffen beleben“ wieder: den Fluss mit La Loire, Agnès et les garçons, ein Roman, mit dem er sich in die Jugend von Jardin dans l’île versetzt, den er viel früher, 1936, geschrieben hat; den Wald mit La Forêt perdue (1967).

La Mort de près (1972) knüpft schließlich wieder an die Kriegserinnerungen an.

Die Umstände rund um mein fünfundzwanzigstes Lebensjahr wollten es, dass ich drei Mal den Tod wirklich erlebt habe. Das bedeutet ganz genau: seinen eigenen Tod zu erleben und zu überleben. Diese Erinnerung hat mich immer verfolgt, wie ein Faden, der sich durch die Tage meines Lebens zog.

Ich sage gleich dazu, dass mir das geholfen hat und immer noch hilft, dass ich es weiß, dass ich sicher bin und dass diese Gewissheit mein derzeitiges Streben bestimmt: erzählen um zu vermitteln, als Mitwisser einer Botschaft, die wohltuend sein soll.

Im Rahmen einer Sendung von France Culture widmet er den Tieren eine Reihe von Kolumnen, welche die Grundlage für die Veröffentlichung der Sammlung Tendre Bestiaire (1968) bilden sollten, die bald durch Le Bestiaire enchanté (1969) und Bestiaire sans oubli (1971) ergänzt wurde.

Aber die Arbeit lastet in Verbindung mit seiner Funktion zu schwer auf seiner Freiheit. 1974 tut er etwas, was kein ständiger Sekretär je vor ihm gemacht hat: er kündigt.

Am 9. Oktober 1974 schreibt ihm Joseph Kessel: „Mit großer Verspätung habe ich von Deiner Entscheidung erfahren. Ich weiß... Ich weiß... Du hast gut daran getan. Du hast seit langer Zeit genug für uns gegeben. Und ich gönne Dir Deine Freiheit. Aber egoistisch gesprochen ist es ein harter Schlag. Du warst die Verbindung, das Element der Freundschaft. Du hast die Funktion auf wunderbare Weise menschlicher gestaltet...

Maurice Genevoix erzählt von den Freuden, Pflichten und manchen Enttäuschungen seiner Aufgabe in einem kleinen Werk mit dem Titel La Perpétuité (1974).

Die jahrhundertealte Akademie ist nicht nur Beständigkeit. Ihr gehören Jahrhunderte. Sie ist weise und großmütig. Sie sollte mir nicht böse sein, dem Schriftsteller, der ich bin und wie wir alle, selbst diejenigen, die das Gegenteil behaupten, darauf bedacht ist, den Hauch einer Spur im Ozean der Zeit ohne Ufer zu hinterlassen und die Beständigkeit geändert zu haben.

Er kehrt nach Les Vernelles zurück, wo ihn „Tag für Tag“, welche Wege er auch immer einschlug, alles immer wieder zurückführte.

Das sind mein Haus, mein Garten, mein Land, alle meine Lebensbereiche. “

Hier schrieb er Un jour (1976), den Roman, an den er seit langem dachte und der auch eine philosophische Schrift ist: „Ein Tag von vielen, gleich dem gestrigen, dem morgigen, an dem Liebe und Tod vergehen, Krieg, Hingabe und Freundschaft, Sturm und Windstille, vielleicht eine seltsame „verrückte Geschichte“, die uns auf dem unendlichen Planeten, auf dem wir sind, fortreißt, aber wo die Schönheit der Dinge nur das ist, was sie ist, wenn sie göttlich ist, unter einem Himmel, dessen Unermesslichkeit die unbesiegbare Hoffnung der Menschen hervorruft.

Mit diesem sehr erfolgreichen Buch kann er seine treuen Leser wiedergewinnen. Darauf folgt Lorelei (1978), ein Roman über die Auseinandersetzungen der Jugend, in dem ein junger Deutscher und ein junger Franzose mit ihrem so unterschiedlichen Temperament zwischen Hass und Freundschaft zerrissen sind.

Sein letztes Werk, Trente Mille Jours (1980), dreißigtausend Tage Erinnerung seit seiner Kindheit in Châteauneuf, erlangt durch das Fernsehen noch mehr Bekanntheit. Die Öffentlichkeit entdeckt erneut den Erzähler, den Spaziergänger an der Loire, den begeisterten Umweltschützer, noch bevor es den Begriff gibt, den Liebhaber einer so reinen Sprache, den Zeugen seines Jahrhunderts und glühenden Verteidiger seines Kulturguts. Sie lässt sich von seinem Charme verführen, seiner Kultur ohne schulmeisterliches Gehabe, seiner Aufmerksamkeit für andere und seiner Fähigkeit, in jedem Menschen das Menschliche zu sehen.

Das Leben verging, ein Menschenleben unter Menschen mit seinem Anteil an Kummer und Freude; und immer, von einem Jahr zum anderen, gesellschaftskritisch. Ich gehöre zu jenen, die nie versucht waren, außer in meinen Monaten an der Front (…), ein Tagebuch zu führen. Wozu wäre es gut, wenn es keine Seite dessen, was sie schreiben und veröffentlichen, gibt, auf der sie nicht vollkommen – wie ich gesagt habe – gesellschaftskritisch wären? Zuerst eine kaum hörbare Aufforderung, eine Verlockung, welche die Unruhe umschließt, es ist eine nach und nach zutage kommende innere Kraft, die durch eine Reihe von schicksalhaften Verkettungen mit der Zeit aus einer Berufung eine Art des Lebens macht oder aus dem Leben eine Berufung. Genauso habe ich gelebt, so habe ich immer geschrieben.

Er hatte noch Pläne, zum Beispiel für eine Sammlung von „spanischen Novellen“ oder ein „mögliches Buch“, das sich neuerlich mit „der Kindheit und der Entwicklung“ beschäftigen sollte. Er stirbt jedoch plötzlich während seines Urlaubs am 8. September 1980 in Spanien, in Javea. Er war fast 90 Jahre alt.

Zum Glück sortiert die Erinnerung. Sie kennt die Toten, auf die sie sich stützt, sie lebt von ihnen wie von anderen Lebenden. Es gibt keinen Tod. Ich kann die Augen schließen, ich werde in den Herzen, die sich erinnern, mein Paradies haben.“