Neukaledonien in den beiden Weltkriegen

Numea, Abfahrt in Richtung La Grange, am 4. Juni 1916 © Stadtmuseum von Numea
Numea, Abfahrt in Richtung La Grange, am 4. Juni 1916 © Stadtmuseum von Numea

Nicht nur Frankreich als Ganzes und das französische Kaiserreich, sondern auch Neukaledonien spielt als Inselgruppe im Pazifik und unter französischer Herrschaft stehend eine wichtige Rolle. Auch wenn die Inselgruppe in Frankreich eher unbekannt ist, so gerät sie dennoch in den beiden Weltkriegen und insbesondere im Zweiten Weltreich ins Blickfeld für die Operationen im Pazifik.

Corps 1

Auf einer Fläche von 19.823 km2 lebten 1906 laut einer Volkszählung 55.886 Menschen, darunter hauptsächlich Franzosen mit europäischen Wurzeln sowie melanesische Ureinwohner, die so genannten Kanak.

I - Neukaledonien im Ersten Weltkrieg

Bereits zu Beginn des Ersten Weltkriegs galt die Rolle der französischen Kolonien im Pazifik als nicht verhandelbar. Aufgrund ihrer strategischen Lage inmitten des Pazifiks war die Insel wichtig für die Handelswege der Krieg führenden Mächte und eine freie Fahrt für Kriegsschiffe. Insbesondere ab August 1914 gewann die strategische Rolle an weiterer Bedeutung, als die Operationen in Richtung Japan ausgedehnt wurden, mit dem Ziel, Deutschlands Kolonien in Fernost, China und im Pazifik für sich selbst zu gewinnen. Deutschland hingegen führte seinen Krieg fort und weitete später die Schlachten auf U-Boot Einsätze aus.

Numea, Abfahrt in Richtung La Grange, am 4. Juni 1916 © Stadtmuseum von Numea

Aus Sicht der beteiligten Kontingente und laut offiziellen Statistiken Frankreichs stammten Tausende Kämpfer aus Ozenanien. Im Zuge des Krieges waren die einheimischen Kanak gefordert, sich zusammenzuschließen, was insbesondere dank der Hilfe des protestantischen Pastors (der protestantische Glauben fand durch Forscher und britische Kolonisten im 19. Jahrhundert Einzug und war alsbald von großer Bedeutung), Maurice Leenhardt, gelang, indem er zwischen den Parteien vermittelte und die Kanak “mobilisierte”. Die Argumentation war klar und klassisch. Die Teilnahme der Kanak an den Kämpfen wurde von Frankreich sehr geschätzt. Im Gegenzug wurde ihnen fruchtbares Land und Mittel zur Bewirtschaftung zugesichert.

Maurice Leenhardt im Jahr 1902. Quelle: DR

Nachdem die neuen Rekruten wochenlange Übungen absolviert hatten, verlässt am 23. April 1915 ein erster Konvoi von 700 melanesischen Soldaten Numea an Bord des Schiffes Sontay.

Die Sontay bringt neue Truppen nach Numea, am 23. April 1915. Quelle: Sammlung P.Ramona

Aus den Archiven der Vereinigung der Veteranen Neukaledoniens geht hervor, dass von den 1.134 freiwilligen Melanesiern, die zwischen 1914 und 1918 nach Frankreich gingen (davon 18% Männer im wehrpflichtigen Alter), 374 an der Front gestorben sind, insbesondere im Juli und August 1918 in Aisne und 167 verletzt wurden. Von den 2.290 Männern des Pazifikbataillons (zu dem natürlich auch alle Rekruten aus französischen Kolonien zählten) wurden 332 für ihre Verdienste an der Front ausgezeichnet.

Infanterie der Kanak ohne Datumsangabe © Stadtmuseum von Numea

II - Neukaledonien im Zweiten Weltkrieg

Am Vorabend des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs verzeichnet Neukaledonien nach einer Volkszählung im Jahr 1938 53.000 Einwohner, davon 18.000 vollberechtigte Franzosen.
Zu Kriegsbeginn war die Neutralität der Hauptstreitkräfte der nahegelegenen französischen Gebiete im Pazifik nicht in direkter Gefahr und der Besitz war nicht bedroht. Diese Situation sollte sich jedoch bald ändern. Japan führte bereits Krieg gegen China und befand sich außerdem im kalten Krieg mit Russland, wodurch der Pazifik und Südostasien bereits ins Blickfeld gerückt waren. Die Niederlage Frankreichs im Juni 1940, gefolgt von der Niederschlagung Hollands wirkte sich unmittelbar auf die Situation in Fernost aus. Japan stellte immer höhere Forderungen und stellte Thailand und Indochina unter sein Protektorat. Nach dem Angriff Japans auf Pearl-Harbour treten die USA in den Krieg ein. Nach der Niederlage und Niederschlagung Frankreichs im Juni 1940 weigerten sich die französischen Kolonien im Pazifik die Niederlage anzuerkennen und sich mit General de Gaulle zu verbünden.
Im Gesamtbild dieser Epoche spielt dieses Territorium eine äußerst wichtige und entscheidende strategische Rolle. Großbritannien und sein Königreich führen nicht nur den Kampf gegen Nazi-Deutschland fort, sondern sie kämpfen auch gegen die Bedrohung aus Japan. Neukaledonien hingegen baut in den weiteren Kämpfen auf die Nähe zu Australien und Neuseeland.

Corps 2

Der Gouverneur von Neukaledonien, Pélicier, entscheidet somit am 20. Juni 1940, den Kampf an der Seite Englands weiterzuführen. Wenige Tage später hegt der Gouverneur immer mehr Zweifel. Der einberufene private Rechtsbeistand, beratendes Organ bestehend aus vier Zivilisten und zwei Funktionären des Generalrats, ein beratendes Organ aus 15 gewählten Mitgliedern, beschließt das Festhalten an der bisherigen Position und die Weiterführung der Kämpfe. Es muss jedoch bemerkt werden, dass diese Position nicht einmalig war. Viele Persönlichkeiten des Königreichs hegten trotz des vereinbarten Waffenstillstands denselben Wunsch.

Michel Verges. Quelle: Museum des Ordre de la Libération

Obwohl der Staat Frankreich in der besiegten und ausgelöschten Metropole an der Macht war, verfasst Michel Vergès, Notar in Numea, im Juli 1940 ein Manifest an die Bevölkerung, in dem er eine neue politische Organisation in der Kolonie fordert. Der Gouverneur hingegen bleibt Pétain treu und veröffentlicht die ersten Gesetze der Vichy-Regierung im Amtsblatt Neukaledoniens.
Währenddessen entstehen nahezu in ganz Neukaledonien so genannte “Komitees de Gaulle”, die mit Unterschriftslisten um Unterstützung baten. Der Generalrat lehnt die Vorgehensweise des Gouverneurs ab und beschließt, “sich am 2. August 1940 direkt General de Gaulle zu unterstellen”.
Während Gouverneur Pélicier durch Oberstleutnant Denis ersetzt wird und ein Teil der afrikanischen Kolonien sich über die Pazifikkolonien mit dem Freien Frankreich verbündeten, gingen in der Nacht vom 18. auf den 19. September 1940 Hunderte von Einwohner in Numea “an Land”, um sich mit General de Gaulle zu verbünden. Gouverneur Henri Sautot hingegen trifft am 19. September als Vertreter de Gaulles auf den Neuen Hebriden ein. Am Ende des Tages gibt der neue Gouverneur die Wirksamkeit der Unterstützung bekannt.

Gouverneur Henri Sautot. Quelle: Museum des Ordre de la Libération

Am 3. Mai 1941 übergibt das Pazifikbataillon im Rahmen einer Zeremonie an den Gedenkstätten der Toten von Numea seine Fahne an Kapitän Félix Broche. Im April 1941 beginnt sich das Bataillon neu zu formieren. 605 Freiwillige, darunter 287 Kaledonier, melden sich zum Dienst. Weitere Freiwillige kommen aus Tahiti und den Neuen Hebriden.

Kapitän Félix Broche. Quelle: Museum des Ordre de la Libération

Nach speziellen Trainingseinheiten in Australien sticht das Pazifikbataillon, auch “Bataillon der Gitarristen” genannt, in See. Sein Ziel sind der Nahe Osten und Nordafrika. Das Bataillon untersteht der 1. D.F.L., d. h. der Brigade unter Befehlsgewalt von General Koenig. Die Soldaten kämpfen an der Seite der 8. britischen Armee und die ersten Kampfzeiten sind insbesondere durch die Heldentaten in der Schlacht um Bir-Hakeim bekannt.
Zur gleichen Zeit trifft ein zweites Kontingent Freiwilliger am 3. März 1943 in Nordafrika ein, um die Kämpfe in Tunesien zu unterstützen. Weitere Kaledonier engagieren sich bei den Fallschirmjägern der SAS des Freien Frankreichs.
Die engagierten Freiwilligen des Pazifikbataillons treffen nach und nach in Nordafrika, Bir-Hakeim ein und beteiligen sich dann an den Kämpfen in Italien und der Befreiung Frankreichs.
Vom 27. Mai bis 11. Juni 1942 sind die Kaledonier des Pazifikbataillons in die Kämpfe in der Wüste von Kyrenaika involviert. Dieser Kampf hat zum Ziel, den Rückzug der 8. britischen Armee zu unterstützen, die vom Afrikakorps des Generals und späteren Feldmarschalls Rommel angegriffen wurden. Die 1. Brigade des Freien Frankreichs wird mit der Mission betraut, Bir-Hakeim zu verteidigen. Diese mehrere Tage anhaltende Mission forderte viele Opfer und verhinderte schließlich, dass die Briten von der deutsch-italienischen Allianz eingekesselt wurden. Diese heldenhaften Kämpfe sind noch heute in aller Munde. Die heftigen Kämpfe dauerten bis zum 11. Juni, an dem die Briten schlussendlich Frankreich zum Rückzug aufforderten. Die Schlacht endet in einem gelungenen Verteidigungssieg, der insbesondere auf die heldenhaften Taten des Freien Frankreichs zurückzuführen ist. Voller Begeisterung versendet General de Gaulle folgende Nachricht: “General König, teilen Sie Ihren Truppen die Hochachtung Frankreichs mit! Die ganze Welt soll wissen, dass die Kanonen von Bir-Hakeim den Anfang der Stabilisierung unseres Vaterlands eingeläutet haben”. Im Bataillon kämpften Kolonisten und Legionäre Seite an Seite. Selbst eingekesselt leisteten sie Außerordentliches, um ihre Verletzten zu retten. Die Verluste waren furchtbar. In diesen Kämpfen wurde auch der Anführer des Pazifikbataillons, Kommandant Félix Broche am 8. Juni 1942 getötet.

Ankunft der Truppen des Freien Frankreichs in den britischen Reihen. Quelle: Imperial War Museum. DR

Im Juli 1942 schließt sich das Pazifikbataillon dem ersten Infanteriebataillon der Marine an. Gemeinsam agieren sie fortan als Infanteriebataillon der Marine im Pazifik (BIMP - bataillon d'infanterie de marine du Pacifique). Dieses Bataillon kämpft in El-Alamein und später in Libyen.
Anschließend unterstützt das Bataillon die Kämpfe auf dem Festland von Italien gemeinsam mit dem Französischen Expeditionskorps (CEF - Corps Expéditionnaire Français) unter Befehlsgewalt von General Juin. Die motivierten und tapferen Freiwilligen des Bataillons landen am 20. März 1944 in Neapel und kämpfen in der Schlacht um Garigliano. Das Bataillon ist für seine mutigen Einsätze bekannt, trotz der klimatischen Herausforderungen.

Friedhof in San Gorgio: Vor dem Rückzug aus Italien. Militärparade der BIMP und der Delegationen aller Kompanien, die nicht mehr nach Frankreich zurückgekehrt sind. Quelle: Vereinigung der 1. Division des Freien Frankreichs. Col POLVET

Der dritte Einsatz der Freiwilligen des Pazifiks dient der Befreiung Frankreichs, gemeinsam mit der 1. französischen Armee unter General Lattre de Tassigny.
Nach der Landung in der Provence am 15. August 1944 kämpfen die freiwilligen Kaledonier in Hyères und Toulon und während des Aufbaus des Rhône-Gebiets. Bei ihrem Vormarsch in Richtung Vogesen fallen sie zurück, da ihnen das raue Klima erhebliche Schwierigkeiten bereitet.

April 1945, Parade der BIPM in Nizza. Quelle: Museum des Ordre de la Libération

Nach der Kapitulation Deutschlands und ihrer Teilnahme an der Siegesparade der 1. Armee auf der Champs-Élysées kehrt das Pazifikbataillon nach Neukaledonien zurück. Bei ihrer Ankunft in Numea am 21. Mai 1946 werden die Neukaledonier für ihre triumphalen Erfolge gefeiert.
Der außerordentliche Mut und die Tapferkeit der Freiwilligen des Pazifiks, insbesondere der Kaledonier, sind außergewöhnlich und besonders lobenswert. 72 von ihnen sind ehrenhaft im Kampf gefallen. Weitere 137 Freiwillige wurden verletzt.
Für ihre Beharrlichkeit und Tapferkeit wurden die Freiwilligen des Bataillons fünffach mit dem Verdienstorden des Militärs und dem Kriegsverdienstkreuz mit Palme ausgezeichnet. Die höchste Ehrung erfolgt durch die Verleihung des Verdienstkreuzes der Befreiung am 28. Mai 1945.

Flagge. Quelle: Vereinigung der 1. Division des Freien Frankreichs.

Von 1942 bis 1945 errichtet Neukaledonien unter Anderem wichtige Basislager für die Nachhut sowie die wichtigste Basis für die amerikanischen und alliierten Truppen während des Pazifikkriegs. Das Land bietet dadurch essentielle strategische Grundlagen und eine Logistik, die die amerikanischen Truppen maßgeblich in den Kämpfen gegen Japan unterstützten. Am 12. März 1942 trifft ein amerikanisches Expeditionskorps unter General Pach in Numea ein. Trotz der schwierigen Beziehung zum neuen Gouverneur, Thierry d'Argenlieu, nutzen die alliierten Amerikaner, Australier und Neuseeländer gerne Neukaledonien als wichtigen Stützpunkt für ihre Flugzeuge, um gegen Japan und insbesondere in den Seeschlachten um das Korallenmeer im Mai 1942 zu kämpfen.

Georges Thierry d'Argenlieu (rechts), Gouverneur von Neukaledonien im Namen des Freien Frankreichs, mit Brigadeführer General Alexander Patch, Kommandant der amerikanischen Poppy Force in Numea. Quelle: U.S. Federal Government