Reims, 7. Mai 1945. Die deutsche Kapitulation

Chapeau

Vor siebzig Jahren setzten die alliierten Streitkräfte dem Zweiten Weltkrieg in Europa ein Ende. Rückblick auf einen wenig bekannten historischen Moment, der am 7. Mai 1945 in Reims unterzeichneten deutschen Kapitulation.

Le général Jodl signant l'acte de reddition des forces armées allemandes du IIIe Reich, le 7 mai 1945, à Reims. © Musée de la Reddition
Texte

Mitte Februar 1945, nachdem die Ardennenoffensive eingedämmt war und um den abschließenden Angriff gegen Deutschland besser koordinieren zu können, beschließt General Eisenhower, oberster Chef des alliierten Expeditionskorps in Europa, sein Hauptquartier, das Supreme Headquarters Allied Expeditionary Forces (SHAEF), von Versailles nach Reims zu verlegen. Die Mission dieser Struktur ist klar und wird durch die Symbolik des Abzeichens deutlich klar: der schwarze Hintergrund des Schildes steht für die Unterdrückung, der Europa ausgeliefert ist, das Schwert repräsentiert Gerechtigkeit und Freiheit und der Regenbogen symbolisiert die Hoffnung und die Farben der Flaggen der Alliierten.

Von Reims aus kommandiert Eisenhower acht Armeen, fünf amerikanische, eine englische, eine französische und eine kanadische, sowie drei amerikanische Luftstreitkräfte. Das SHAEF bezieht die Räume der technischen Mittelschule in Reims, die nach dem Abzug des Generalstabs der 101. Luftlandedivision zwei Monate vorher leer stehen. Das Büro General Eisenhowers befindet sich im zweiten Stock, genau über der Kommandozentrale (War Room); ein angrenzender Raum wird ihm zur Verfügung gestellt, damit er, falls die Ereignisse es erfordern, vor Ort bleiben kann. Jeden Morgen hält „Ike“ eine Besprechung mit seinen direkten Mitarbeitern ab um die Lage zu beurteilen, Dinge, die in der Nacht stattgefunden haben zu diskutieren und seine Anweisungen für den kommenden Tag zu geben. Um nicht die Aufmerksamkeit der deutschen Spionagedienste zu erregen, ist der Standort des SHAEF sehr diskret: Nichts an dem Gebäude weist von außen darauf hin, dass sich hier der Sitz des Kommandos der alliierten Streitkräfte befindet. Nur zwei oder drei Mitglieder der Militärpolizei der 201st Military Police Company bewachen den Eingang; in der Nähe des Place de la République und auf dem Pont de Laon sichern vierrohrige Lafetten vom Kaliber 12,7 mm der 108th Company (Flakartillerie) die Verteidigung gegen die Flugzeuge. Nicht weit davon, auf einem kleinen Grundstück des Viertels Neuvillette stehen den Offizieren des Generalstabs einige Leichtflugzeuge des Typs Stinson L.5 der 112th Liaison Squadron zur Verfügung.

Nach Hitlers Selbstmord am 30. April versucht der Großadmiral Karl Dönitz, den der Führer in seinem Testament zu seinem Nachfolger bestimmt hatte, die Kontrolle über das im Sterben liegende Reich wiederzugewinnen; sein Ziel ist es, einen separaten Waffenstillstand mit den westlichen Alliierten zu schließen, um den Kampf gegen die Sowjets im Osten fortzusetzen. Allerdings ist die Situation in Deutschland zunehmend chaotisch. Am 2. Mai fällt das in Schutt und Asche liegende Berlin in die Hände der Roten Armee. Durch das Unterzeichnen teilweiser Kapitulationen versucht Dönitz Zeit zu gewinnen, um das Passieren eines Maximums deutscher Militäreinheiten hinter die amerikanischen Linien zu verhandeln. So unterzeichnet am 4. Mai in Lüneburg im Hauptquartier von Montgomery der Admiral von Friedeburg die Teilkapitulation der in Nordwestdeutschland agierenden deutschen Truppen. Am 5. befiehlt ihm Dönitz, sich nach Reims ins Hauptquartier Eisenhowers zu begeben, um eine mögliche Teilkapitulation an der Westfront zu verhandeln; nachdem Eisenhower eine teilweise Kapitulation ablehnt, beauftragt Dönitz General Alfred Jodl, Chef des Wehrmachtführungsstabes sich nach Reims zu begeben, mit der Befugnis, die bedingungslose Kapitulation zu unterzeichnen. Nach seiner Ankunft auf dem Luftwaffenstützpunkt von Reims um ca. 17 Uhr wird der deutsche General sofort zum SHAEF gebracht. Nach letzten Verhandlungen wird mitten in der Nacht, am 7. Mai 1945 um 2.41 Uhr die bedingungslose Kapitulation der deutschen Streitkräfte unterzeichnet, die das Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa bedeutet! Die Kapitulation findet im Kartensaal im ersten Stock des Gebäudes statt, der in die Kommandozentrale des SHAEF umgewandelt worden war und dessen neuralgisches Zentrum darstellt: „…der geheimste Ort der geheimen Orte in Europa“, so der amerikanische Kriegskorrespondent Price Day.

Die Offiziere, die die Alliierten vertreten, nehmen an dem großen Tisch Platz, ihnen gegenüber die drei deutschen Bevollmächtigten. General Walter Bedell-Smith, Generalstabschef des SHAEF unterzeichnet die Kapitulationsurkunde im Namen der westlichen Alliierten; dann unterzeichnet der sowjetische General Ivan Sousloparov im Namen der Roten Armee und schließlich wird der französische General François Sevez, stellvertretender Generalstabschef der nationalen Verteidigung aufgefordert, die Urkunde in seiner Eigenschaft als einfacher Zeuge gegenzuzeichnen, da das Ereignis auf französischem Boden stattfindet. Alfred Jodl unterzeichnet seinerseits im Namen der Streitkräfte des Dritten Reichs.

Eisenhower, der einen höheren Rang als Jodl bekleidet, wohnt der Zeremonie nicht bei. Jedoch empfängt er die deutsche Delegation danach in seinem Büro, gefolgt von der Presse und seinen Mitarbeitern, mit denen er mit einem Glas Champagner anstößt, bevor er seine berühmte Siegesrede hält.

Das Ende der Kampfhandlungen wird für den nächsten Tag, den 8. Mai um 23.01 Uhr festgelegt. Alfred Jodl hat es tatsächlich geschafft, von den Westalliierten einen Aufschub zu erhalten: dieser Aufschub lässt den deutschen beinahe zwei Tage Zeit, um eine möglichst große Zahl von Zivilisten und Soldaten in die westliche Zone passieren zu lassen, damit diese nicht in die Hände der roten Armee fallen. Stalin lässt sich nicht täuschen. Ihm reicht es nicht, dass die Kapitulation in Reims unterzeichnet wurde. Er verlangt, dass sie im Rahmen einer zweiten Zeremonie in Berlin, dem Herz des Dritten Reiches ratifiziert wird, und zwar in der sowjetischen Besatzungszone. Diese Formalität wird am nächsten Tag nach dem offiziellen Ende der Kampfhandlungen im Hauptquartier von Marschall Joukov erledigt. Aus diplomatischen Gründen der UDSSR gegenüber akzeptieren die westlichen politischen Machthaber Truman, Churchill und de Gaulle. Auch andere Teilnehmer treffen in Berlin zusammen: Marschall Keitel für das Oberkommando der deutschen Wehrmacht, Marschall Joukov für das Oberkommando der Roten Armee, Marschall Tedder für den Obersten Befehlshaber der alliierten Expeditionsstreitkräfte sowie General de Lattre de Tassigny, Oberbefehlshaber der 1. französischen Armee und General Spaatz, kommandierender General der strategischen Luftstreitkräfte der Vereinigten Staaten fungierten als Zeugen. Die Kapitulationsurkunde tritt am 8. Mai 1945 um 23.01 Uhr Ortszeit in Kraft, also am 9. Mai in Moskau. Das Datum wird von der Sowjetunion als Tag des Sieges gefeiert.

Nach der Niederlage Deutschlands enden die Kriegshandlungen in Europa. Der Krieg ist jedoch nicht vorbei: Japan setzt die Kämpfe im Pazifik fort. Es dauert noch fast vier Monate bis am 2. September 1945 auch das Land der aufgehenden Sonne kapituliert und der Zweite Weltkrieg ein Ende nimmt.


Auteur
Marc Bouxin - Directeur des musées historiques de Reims

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