Lettre d'information

Die deutschen Unterdrückungsdienste im besetzten Frankreich

Mitglieder der SIPO-SD von Draguignan, ohne Datum. © SHD

Der deutsche Historiker Eberhard Jäckel erinnert in seinem bahnbrechenden Werk Frankreich in Hitlers Europa an ein Gespräch, bei dem Pierre Laval, als ein deutscher Verhandler ihn darauf aufmerksam machte, dass das Reich ein autoritärer Staat sei, sehr geistreich antwortete: 'Und so viele Autoritäten!'” Denn es gab eine Vielzahl von deutschen Unterdrückungsdiensten im besetzten Frankreich. Ihre Organisation und ihre Vorrechte entwickelten sich im Laufe der Zeit.

Corps 1

Militärverwaltung, Diplomaten des Außenministeriums des Reichs, Nazi-Polizeidienste, die dem RSHA (Reichssicherheitshauptamt) unterstanden und deutsche Spionageabwehragenten agieren gleichzeitig, von 1940 bis 1944 im besetzten Frankreich und teilen sich die Verantwortung. Wir stellen hier die Unterdrückungs- und Spionageabwehrdienste vor.

Die Ordnungsorgane der Militärverwaltung

Es ist der Militärbefehlshaber in Frankreich (MBF), der 1940 von Paris aus beauftragt wird, eine ”besetzte Zone” zu verwalten, die drei Fünftel des Staatsgebiets umfasst. Bis Juni 1942 ist auf entscheidender und exekutiver Ebene der MBF unter der Autorität des Oberkommandos des Heeres, OKH und später des Oberkommandos der Wehrmacht, OKW der Hauptakteur. Die Aufrechterhaltung der Ordnung und die Unterdrückung sind seine Angelegenheit.

Die wichtigsten Polizeikräfte des Besatzers, die Feldgendarmerie (siehe Tonbildschau) und die Geheime Feldpolizei (die GFP, siehe Tonbildschau), aber auch die Landesschützenbataillone und Sicherheitstruppen werden vom Kommandostab des MBF kontrolliert. Letzterer ist verantwortlich für die Aufrechterhaltung der Ordnung, die Spionageabwehr, die Militärjustiz und erstellt regelmäßige Situationsberichte. Die Sektion Ic des Kommandostabs verfolgt politische Angelegenheiten und alle Aktivitäten, die sich gegen die Macht des Besatzers richten. Ihr ist der Leitende Feldpolizeidirektor zugeteilt, der die Gruppen GFP der MBF kommandiert. Die Sektion Ia beschäftigt sich hauptsächlich mit Fragen der militärischen Sicherheit, der Feldgendarmerie; die Untersektion Ia/Terr ist mit der Ausführung der Strafverfolgung und der Untersuchungshaft betraut. Die Sektion III, die Kriegsgerichtsabteilung, verfolgt und kontrolliert die Aktivitäten der Feldkriegsgerichte. Aber der Verwaltungsstab des MBF spielt ebenfalls eine wichtige Rolle in Sicherheitsfragen, insbesondere die Verwaltungsabteilung, die bis Juni 1942 von Werner Best, einem Nazi der ersten Stunde geleitet wird. Seine Gruppe “Polizei” (V2 pol) ist damit beauftragt, Richtlinien, Verordnungen und Befehle zu erstellen und kontrolliert die französischen Ordnungsorgane.

Corps 2

In diesem Aufgebot sind die Männer der Feldgendarmerie, die zahlreiche Aufgaben erfüllen (Verkehrskontrollen, Kontrolle von Papieren und den französischen Ordnungsorganen usw.)‚ am Stärksten vertreten: ohne Zweifel 6.000 Ende 1941. Die Landesschützenbataillone und Sicherheitstruppen müssen insbesondere die empfindlichen Punkte überwachen, die wichtigsten Kommunikations-Infrastrukturen und die deutschen Internierungslager.

Aber es ist die GFP, die für die wichtigen strafrechtlichen Ermittlungen gegen den Widerstand verantwortlich ist. Ihre Männer sind Berufspolizisten, häufig von der Kriminalpolizei, oder eingezogene Männer, die nach einer kurzen Ausbildung den Rängen der Einheiten zugewiesen werden. Ab Februar 1941 überwachen zwanzig Gruppen von jeweils ca. hundert Männern, sechs davon in der Region von Paris, die besetzte Zone. Jede Einheit steht unter dem Kommando eines Feldpolizeidirektors, assistiert von zwei oder drei Feldpolizeikommissären, fünf bis sieben Sekretären und zwei Sonderführern (welche häufig Dolmetscher sind). In ihrem Dienst stehen ca. 20 Schreibkräfte und Ordonnanzen und ebenso viele Fahrer. Die Zahl der tatsächlichen Polizisten überstieg nicht 45.

Insgesamt beträgt die Anzahl der Beamten und Polizisten, die speziell zur Aufrechterhaltung der Ordnung angestellt sind, im März 1942 nur ca. 21.000 Personen, davon eine geringe Anzahl von Offizieren, weshalb sich das Militärkommando ständig über Personalmangel beschwert.

Die Abwehr

In Vorbereitung ihrer Arbeit wird die GFP von der Abwehr geleitet. Auch wenn diese Zweigstelle des deutschen Aufklärungsdienstes in Frankreich offiziell der Sektion Ic des Kommandostabs zugeteilt ist, gehört sie dennoch was ihre Spionagemissionen betrifft, direkt dem OKW an. Die Sektion III ist speziell mit den Angelegenheiten der Spionageabwehr betraut, und was die Unterdrückung betrifft, ist ihre Rolle entscheidend. Mindestens bis zum Sommer 1942 ist die Abwehr der Hauptakteur im Kampf gegen die ersten Widerstandsgruppen. Die GFP ist ihr bewaffneter Arm.

Die Abwehr ist ohne Zweifel der am wenigsten bekannte deutsche Dienst, insbesondere was ihre Aktion in der besetzten Zone betrifft. Sie ist in drei Sektionen aufgeteilt. Die Abteilung I stellt den Aufklärungsdienst dar, der sich mit der militärischen, politischen und wirtschaftlichen Spionage beschäftigt. Die Abteilung II kümmert sich um subversive Aktionen (Verbreitung falscher Nachrichten, Unterstützung systemkritischer Tendenzen des Feindes usw.), Infiltration und Sabotage. Die Abteilung III ist der Spionageabwehr und der militärischen Sicherheit gewidmet: Die Mitglieder dieser Sektion sind damit beauftragt, im besetzten Frankreich die Widerstandsgruppen zu infiltrieren und zu Fall zu bringen. Die wichtigste Untersektion der Abteilung III ist die III-F, deren Aufgabe es ist, feindliche Agenten aufzuspüren und in die gegnerischen Nachrichtendienste einzudringen. Sie verfügt über eine Funkpeilungsabteilung.

Oberst Friedrich Rudolf, ein hervorragender Offizier, Freund des Admirals Canaris, Leiter der Abwehr, übernimmt die Verantwortung des Kommandos, das nach Frankreich entsandt wird.

Er wird begleitet von zwei langjährigen Mitarbeitern: Oberst Arnold Garthe, der zum Leiter der Abt.II in Frankreich ernannt wird und Oberstleutnant Reile, 54 Jahre alt und Berufspolizist, der die Abteilung III F übernimmt. Ab 1940 kommandieren sie zweifelsohne fast 200 Agenten.

Abgesehen vom Posten in Paris, werden rasch drei andere in der besetzten Zone geschaffen (Abwehrstellen, die sich in Nebenstellen, Nest, aufteilen können). Die erste befindet sich in Saint-Germain-en-Laye. Die Nebenstelle in Angers, Ende Juni 1940 geschaffen, wird von Major Friedrich Dernbach geleitet (siehe Tonbildschau). Er ist es, der Anfang 1941 Honoré d'Estienne d'Orves verhaftet. Major Otto Ehinger errichtet in Dijon einen Posten Ende Juli 1940. Spezielle Zweigstellen werden ebenfalls geschaffen: Zum Beispiel in Besançon, um die Grenze zur Schweiz zu überwachen und in Bordeaux, um die Sicherheit der wichtigen U-Boot-Basis der Stadt zu gewährleisten. Diese verschiedenen Posten haben Deckmäntel, um ihre Existenz zu verschleiern. Die Zweigstelle in Nantes versteckt sich hinter einer Baufirma, die in Bordeaux hinter einer Buchhaltung und die in Tours hinter einem europäischen Transportdienst. Ab November 1942, nach der Besatzung der Südzone, schickt die Abwehr Agenten dorthin: Der erfahrene Dernbach arbeitet hauptsächlich in Lyon.

Die SIPO-SD

Zum Zeitpunkt, als die Nazis 1933 die Macht ergreifen, besitzt jede deutsche Region ihre Polizei, insbesondere um die öffentliche Ordnung zu gewährleisten. Die Geheime Staatspolizei (Stapo oder Gestapo, siehe Tonbildschau), eine wahrhaftige politische Polizei, die zunächst geheim ist, tritt erstmals in Preußen in Erscheinung, auf Initiative von Hermann Goering, einer Führungsperson der Nazis. Nach und nach werden mehrere Länder mit einer Gestapo ausgestattet. 1936 werden alle diese Polizeieinheiten unter der Leitung von Heinrich Himmler, der gleichzeitig Leiter der SS (Schutzstaffeln, der bewaffnete Zweig der Nazi-Partei) ist, zusammengefasst. Die Staatspolizei des Reichs teilt sich nunmehr in zwei Teile auf: Die Ordnungspolizei (Orpo, die uniformierte Polizei für die Aufrechterhaltung der Ordnung in Städten und Dörfern), und die Sicherheitspolizei (Sipo), die in eine Kriminalpolizei (Kripo, zuständig für Verbrechen des gemeinen Rechts) und eine Geheime Staatspolizei‚ (Stapo oder Gestapo, die politische Polizei) unterteilt ist. Letztere ist für Hochverrat und Spionage zuständig, sie kontrolliert die öffentliche Meinung und die politischen Aktivitäten, überwacht die Grenzen und kümmert sich um die Akten der Häftlinge in den Konzentrationslagern.

Aber im Rahmen der NSDAP verfügt die SS auch über den SD, Sicherheitsdienst, dessen Aufgabe es ist, Informationen über die Feinde zu sammeln. 1939 versammelt Himmler den Hauptteil der Polizei und der SD im Reichssicherheitshauptamt, RSHA). Von da an spricht man von der SIPO-SD, Sicherheitspolizei und Sicherheitsdienst der NSDAP, unter der Leitung von Reinhard Heydrich. Die Ordnungspolizei, Orpo, gehört nicht zum RSHA. Die SIPO-SD macht schnell durch ihre Methoden auf sich aufmerksam. Sie triumphiert rasch über das Recht bzw. vereinnahmt es, da der Deckmantel bestehen bleibt, um die Aktionen einer politischen Polizei zu legitimieren, die den Auftrag hat, die Prinzipien der Nazis und ein Terrorregime durchzusetzen .

Heydrich schickt seine Leute ab der lnvasion ins besetzte Frankreich, um die Feinde des Reichs aufzuspüren: Kommunisten, Freimaurer, Juden und deutsche Emigranten, die politische Gegner sind. Auf Grund dieses Auftrages ist das unter der Leitung von Helmut Knochen stehende kleine Sonderkommando hauptsächlich aus Männern des SD zusammengesetzt.

Im März 1942 ändert Hitler seine Strategie und überlässt die Führung der Unterdrückung der SIPO-SD, deren Zahl sich erhöht, da sie insbesondere Polizisten von der GFP rekrutiert, ohne jedoch jemals die Zahl von 3.000 zu übersteigen. Ein Höherer SS und Polizeiführer, HSSPF, Karl Oberg, übernimmt die Leitung dieser neuen Abteilung. Knochen wird zum Befehlshaber der Sipo und des SD. Sechs Hauptsektionen strukturieren die geführten Aktionen: Die Abteilung VI bleibt weiterhin verantwortlich für die Aufklärung, die V für die Kripo und die Verfolgung von Verbrechen des gemeinen Rechts, während die IV, die der Gestapo, sich in mehrere Untersektionen aufteilt, die gegen den Kommunismus (die IV a) oder den “nationalen Widerstand” (die IV E) kämpfen. Nach der Invasion der Südzone überwachen 17 von Kommandeuren der SIPO-SD geleitete Wehrbereiche das Territorium und setzen die Abteilungen des BdS ein.

Der Befehl zum Rückzug wird erst Mitte August 1944 gegeben, aber neue Kommandos der SIPO-SD bilden sich im Osten Frankreichs bis zum Herbst, hinter der Frontlinie. Um den Widerstand bis zu Ende zu verfolgen.

Thomas Fontaine

Historiker, Forscher am Centre d'histoire du XXe siècle, Paris 1

WEITERE INFORMATIONEN

Die Archive über die Organisation und das Personal der deutschen Nachrichtendienste werden in der Unterserie GR 28 P 7 aufbewahrt.

  • Membres de la Feldgendarmerie d'Amiens photographiés à Saint-Quentin le 1er mai 1943. © SHD

  • Organigramme de la GFP, sans date. © SHD

  • Membres de la SIPO-SD de Draguignan, sans date. © SHD