Le 11 novembre 1940

Denkmal zu Ehren der Studenten im Widerstand im Jardin du Luxembourg in Paris.
Corps 1
14. Juni 1940: nach fünf Wochen Kampf kommt Frankreich ins Wanken. Die Deutschen marschieren in Paris ein, das zur offenen Stadt erklärt wird. Am 17. Juni befiehlt Marschall Pétain, die Kämpfe einzustellen, und am 22. Juni wird der Waffenstillstand unterzeichnet.
Corps 2


Am Ende des Sommers kehren die Flüchtlinge heim, und das Leben kehrt allmählich wieder in die besetzte französische Hauptstadt zurück. Nach dem Ende der Ferien beginnen die Schulen, Gymnasien und Universitäten wieder mit dem Unterricht. Allem Anschein nach beginnt das Leben sich zu normalisieren. Die Pariser sind vor allem bemüht, sich an die neue Lage anzupassen. Die ersten Widerstandsbewegungen beginnen sich abzuzeichnen, aber die meisten Menschen, die meinen, dass "etwas getan werden müsste", haben noch keine Möglichkeit gefunden, ihre Idee in die Tat umzusetzen. Dies ist die Situation der Studenten und Unterrichtenden, die die Besetzung der Hauptstadt aus verschiedenen Gründen ablehnen. Für die Rechten ist die nationale Demütigung ausschlaggebend, für die Linken die Auslöschung ihrer Freiheiten und die Herrschaft des verabscheuten Faschismus, wobei die kommunistischen Studenten eindeutiger Stellung beziehen als die Partei.

So treten so unterschiedliche Männer und Frauen in Aktion wie Roger Morais von der Korporation der literaturwissenschaftlichen Fakultät, einer der Gründer der seit September bestehenden Gruppe Maintenir (Bewahren) ; Philippe Viannay, Student der Philosophie und Robert Salmon, Schüler des Lycée Louis-le-Grand, der zusammen mit Hélène Mordkovitch, einer Bibliothekarin der naturwissenschaftlichen Fakultät, die Bewegung Défense de la France (Verteidigung Frankreichs) im Winter 40-41 ins Leben ruft, Jean Ebstein, Sympathisant der Action française, der mit seinen Freunden aus dem Komitee der Korporation der juristischen Fakultät eine Oppositionsgemeinschaft macht, Claude Lalet, Student der Geschichte, der kommunistische Studenten um sich sammelt, um Flugblätter zu verfassen und eine geheime Zeitung heraus zu geben, La Relève (Die Nachfolge). In diesem Ambiente kehrt Unruhe unter den traditionell widerspenstigen Studenten ein: "V", der Anfangsbuchstabe von "Victoire" (Sieg) wird an die Wände gemalt, "Es lebe de Gaulle" wird in den Gängen der Metro gerufen, in den Hörsälen werden Flugblätter in Umlauf gebracht... Ab und zu gibt es Prügeleien zwischen jungen Leuten und deutschen Soldaten. Nachdem am 3. Oktober das Gesetz über den Status der Juden erlassen worden ist, nach dem Juden von der Lehrtätigkeit ausgeschlossen werden, manifestieren Professoren ihre Sympathie mit den ausgeschlossenen Kollegen. Das Treffen zwischen Hitler und Marschall Pétain am 24. Oktober in Montoire und die Rede vom 30. Oktober, in der das Wort "Kollaboration" fällt, beunruhigen diejenigen, die dem französischen Staatschef vertraut haben.

An diesem 30. Oktober wird Professor Langevin, ein bekannter Physiker und 1934 Gründer des Komitees für Wachsamkeit der antifaschistischen Intellektuellen, verhaftet und interniert. Als Antwort hierauf demonstrieren die der französischen kommunistischen Partei nahestehenden Studenten am 8. November vor dem Collège de France, an dem der Professor lehrt. Am 28. Oktober notiert der Polizeipräfekt Langeron: "Es geht das Gerücht, dass am 11. November demonstriert werden soll. (...) Montoire hat schon ein Ergebnis erbracht, nämlich die gaullistische Propaganda bei den Studenten anzuheizen". Der 11. November ist ein symbolträchtiges Datum: wenn Deutschland auch jetzt die Oberhand hat, so wurde es doch am 11. November 1918 besiegt. An diesem Tag der 22. Wiederkehr des Sieges können die Pariser ihre Opposition gegenüber dem Feind und seinen Anhängern zeigen.

Seit den ersten Novembertagen zirkulieren Flugblätter an den Pariser Gymnasien, Janson de Sailly, Carnot, Condorcet, Buffon Chaptal, Saint-Louis und Henri IV, wie auch in der Korporation der juristischen Fakultät und im Quartier Latin... Eines dieser Flugblätter, das von einer mit dem Netz Maintenir verbundenen Gruppe stammt und in dem Zentrum für Hilfe für die eingezogenen und gefangenen Studenten hergestellt wurde, ruft zu einer Demonstration am Tag des Waffenstillstands an der Place de l'Etoile um 17h30 auf. Radio London, die französische Stimme des Freien Frankreichs, fordert die Pariser Bevölkerung dazu auf, den Sieg von 1918 zu feiern und die Statue Clemenceau und das Grab des unbekannten Soldaten mit Blumen zu schmücken. Am 10. November veröffentlichen die Pariser Zeitungen folgendes Kommuniqué der Polizeipräfektur: "Die öffentliche Verwaltung und die privaten Firmen arbeiten am 11. November in Paris und im Departement Seine normal. Gedenkfeiern finden nicht statt. Öffentliche Demonstrationen sind verboten."

Das Verbot, am 11. November zu demonstrieren, wird in den Pariser Gymnasien und Fakultäten angeschlagen, mit sehr strengen Anweisungen an die Oberschulräte und die Leiter der Einrichtungen. Das Verbot ruft eine spontane Reaktion auf diesen Befehl hervor, der als Schikane verstanden wird. Die für den 11. November geplanten Initiativen gehen von kleinen, häufig voneinander unabhängigen Gruppen aus, sind aber eine einheitliche Aktion, die einen mehr oder wenig starken Einfluss auf die Masse der Jugendlichen hat, die vor allem die Besatzung herausfordern will.

Sie bieten zugleich dem Kommuniqué vom 10. November, der deutschen Verordnung vom 20. Juni 1940, die die Demonstrationen verbietet, die Stirn, wie auch Artikel 4 der Gesetzesverordnung vom 23. Oktober 1935, die Sanktionen gegen diejenigen vorsieht, die an nicht angemeldeten oder verbotenen Demonstrationen teilnehmen. Die Behörden fürchten eventuelle Reaktionen der Jugend. Am Morgen dieses 11. November besuchen Polizeiinspektoren die Gymnasien von Paris, können aber nichts Ungewöhnliches feststellen. Gegen 5h30 legen André Weil-Curiel, Michel Edinger und Léon-Maurice Nordmann, Mitglieder einer aus Rechtsanwälten, Lehrern und Intellektuellen bestehenden oppositionellen Gruppe, in aller Eile einen Blumenstrauß am Fuß der Statue von Georges Clemenceau an den Champs-Élysées nieder, "Als Zeugnis der Bewunderung für den Mann, der niemals kapitulieren wollte und niemals die Hoffnung für das Vaterland aufgegeben hat". Der Blumenstrauß ist von einem blauweißroten Band umwunden und trägt eine große Visitenkarte im Namen von General de Gaulle. Die Karte und das Band verschwinden im Lauf des Vormittags, aber Unbekannte legen weitere Sträuße neben dem ersten Strauß nieder. Gegen Mittag stößt eine Gruppe von etwa hundert mit blauweißroten Kokarden geschmückten jungen Leuten auf den Champs-Elysées mit der Polizei zusammen. Ein Lehrer, der eingreift, wird verhaftet. Zwischen 16h30 und 17h30 mischen sich nach dem Unterricht, den manche "geschwänzt" haben, Gymnasiasten, Studenten und Lehrer unter die Spaziergänger auf der großen Verkehrsader.

Einzeln, in kleinen Gruppen, in Zügen, die bald kompakt bald auseinander gerissen und wieder neu gebildet sind, strömen die Pariser in Richtung Champs-Elysées und Place de l'Etoile zusammen. Züge kommen von den Lycées Carnot, Buffon, Janson de Sailly... In diesem Gymnasium haben die Schüler Geld für einen Blumenstrauß gesammelt, und die Fleuristin hat dem Strauß die Form eines Lothringer Kreuzes gegeben. Kurz vor 16 Uhr legen die Schüler de Schotten und Dubost den Strauß mit dem stillschweigenden Einverständnis der Polizisten auf dem Grab des unbekannten Soldaten nieder und kehren wieder zu ihren Kameraden zurück. Neben diesem Blumenstrauß liegen viele weitere Sträuße, einer davon trägt die belgischen Farben. Die Demonstranten setzen sich aus den verschiedensten politischen Richtungen zusammen, von dem Sympathisanten der Royalisten Alain Griotteray bis zu dem den Kommunisten nahestehenden Tony Bloncourt aus Guadelupe... Gymnasiasten und Studenten, aber auch Lehrer wie Edmond Lablénie vom Gymnasium Janson de Sailly oder Raymond Burgard vom Buffon. Die Menge auf den Champs-Elysées wächst immer weiter an, schätzungsweise auf 3000 bis 5000 Personen. Bei Einbruch der Dunkelheit defilieren auf der gesamten Avenue die Züge, lösen sich auf und bilden sich erneut, je nachdem wie die Polizei eingreift.

Einige Demonstranten mit schwarzen Krawatten tragen blauweißrote Bänder oder ein Lothringer Kreuz am Knopfloch. Ein paar übermütige Studenten kommen auf die Idee, zwei Angelruten mit dem Ruf "Hoch sollen sie leben" zu schwingen, danach machen sie eine kurze Pause (mit "deux gaules" - zwei Angelruten - meinen sie "de Gaulle"), und die Passanten lachen. Blauweißrote Fahnen tauchen auf. Die Polizei vertreibt die Demonstranten ohne großen Eifer, begnügt sich damit, die Menge in eine bestimmte Richtung zu lenken und den jungen Leuten zu raten, zu verschwinden. Aus den Menschenansammlungen sind bald Rufe zu hören, wie: "Es lebe Frankreich", "Nieder mit Pétain", "Nieder mit Hitler"... Hier und da erklingen die Marseillaise und das "Lied des Aufbruchs". Am überraschtesten sind sicher die Deutschen, die in den Cafés sitzen oder sich in den Vorhallen der Kinos aufhalten.

Während am Etoile noch Sträuße an dem Grab des Unbekannten Soldaten nieder gelegt werden, kommt es weiter unten, vor dem Sitz zweier Organisationen von Kollaborateuren, zu Rangeleien. Deutsche greifen ein und verhaften die Studenten. Gegen 18 Uhr tauchen auf den Champs-Elysées und der Place de l'Etoile mit Gewehren, Maschinengewehren und Granaten bewaffnete Soldaten der Wehrmacht auf und treiben die Demonstration mit Gewalt auseinander. Während einige Soldaten zwischen der Avenue Georges V und dem Kreisel der Champs Elysées mit dem Knüppel oder dem Gewehrkolben angreifen, schießen andere wahllos in die Menge, und Militärwagen rasen im Zickzack über die Gehsteige. Es herrscht ein totales Durcheinander. Die Polizei verbietet, sich dem Arc de Triomphe zu nähern. Nachdem sie die Menschen von den Champs-Elysées vertrieben haben, rollen die deutschen Soldaten die auf der Place de l'Etoile aufgestaute Menge auf und verfolgen gleichzeitig die Personen, die durch die Rue de Tilsit oder de Galilée flüchten. Die Polizeiwagen und die LKWs des Militärs füllen sich. Keine dreißig Minuten später sich die Zugänge zum Etoile frei von Demonstranten. Gruppen von Studenten demonstrieren weiter in der Umgebung der Place de la Concorde; die Zusammenstöße dauern bis etwa 19 Uhr an. Entsprechend der Tradition seit 1923 und trotz der Ereignisse dieses Tages wird gegen 18h30 die Flamme der Erinnerung durch das Komitee im Beisein von etwa hundert Personen angefacht.

Am nächsten Tag bringt Radio London die Nachricht vom Tod mehrerer Demonstranten. Tatsächlich hat es allerdings nur Verletzte, darunter sicherlich auch Schwerverletzte, und Verhaftungen gegeben. Die genaue Anzahl dieser Verhaftungen ist schwer festzustellen. Eine Liste der Polizeipräfektur gibt 105 Namen an (93 Studenten und Gymnasiasten, 1 Professor, 11 Personen unterschiedlicher Berufe und älter als die Studenten, davon 4 Frauen); in einer Bekanntmachung der Vizepräsidentschaft des Rates vom 8. Dezember 1940 werden 123 Verhaftungen erwähnt, davon 104 von Studenten und Gymnasiasten. In einem Kommuniqué des deutschen Militärkommandos in Frankreich ist die Rede von 143 verhafteten Studenten. Der neue Rektor, Jérôme Carcopino, gibt die Zahl von 150 verhafteten Studenten an.

Viele davon werden nur kurz in den Polizeistationen festgehalten. Andere werden in die Gefängnisse Cherche-Midi und Santé gebracht, misshandelt und inhaftiert. Die meisten werden in den darauf folgenden Wochen wieder frei gelassen. Ende 1940 kann man sich diese Milde aus dem Wunsch erklären, das Bild der Politik der Kollaboration nicht zu beschädigen, das sowohl die deutschen Behörden als auch die Regierung Pétain aufrecht zu erhalten versuchen. Dieses erste massive Zeugnis der Opposition der Pariser Bevölkerung gegen die Besatzung, die Demonstration am 11. November 1940, wird heute als der erste kollektive Akt der Résistance verstanden. Bei dieser Aktion, die zum großen Teil von Gymnasiasten und Studenten durchgeführt wird, ist natürlich einiges an Romantik beteiligt. Aber mit ihrer Demonstration gegen die Deutschen hat die intellektuelle Jugend vor allem ihre Entschlossenheit bekräftigt, für die Freiheit zu kämpfen. Dieses Ereignis, das weniger als drei Wochen nach dem Treffen von Montoire stattfindet, ist bezeichnend.

Diese Demonstration ist im Übrigen eine Brüskierung der Vichy - Regierung, die die Jugend für ihr Programm begeistern möchte. Am 13. November werden die Universität von Paris und etwa dreißig weitere höhere Bildungseinrichtungen geschlossen (sie werden vor den Weihnachtsferien wieder geöffnet). Gustave Roussy, der Rektor der Universität von Paris, wird abgesetzt und durch Jérôme Carcopino ersetzt. Die deutschen Behörden lassen das Quartier Latin von nun an schwer bewachen und nehmen vorbeugende Verhaftungen vor - über ein tausend am 21. November, allerdings nur für ein paar Stunden. Die Pariser Zeitungen äußern sich erst ab dem 15. November mehr oder weniger direkt über die Demonstration und publizieren erst am 8. Dezember ein Kommuniqué der Regierung, in dem die "offizielle Bilanz" der Demonstrationen gezogen wird. In London, wo man gerade die Nachricht von der Angliederung Gabuns an das Freie Frankreich erfahren hat, wird die Pariser Demonstration als ermutigendes Zeichen für General de Gaulle aufgefasst.

Nach dem Ereignis haben viele Studenten Angst um ihr Studium und ziehen es vor, sich ihren Studien zu widmen, sobald der Unterricht wieder angefangen hat. Aber andere durch ihre eigene Kühnheit ermutigte und durch die unverhältnismäßige Unterdrückung geschockte Studenten gehen in den Widerstand.

Sie gründen im Geheimen kleine Gruppen, die sich allmählich den großen Bewegungen der Résistance annähern. Sie beginnen ihre Aktivitäten mit dem Drucken und Verteilen von Flugblättern oder Zeitungen, gehen dann zur Fälschung von Papieren, zur Beschaffung und zur Lagerung von Waffen über... Während bestimmte Demonstranten sich später Widerstandsnestern anschließen, gehen andere als Soldaten zum Freien Frankreich. Die Pariser sind aber nicht die einzigen, die am 11. November 1940 demonstriert haben. In Rouen und Dijon sah man blauweißrote Bänder, in Nantes wurde eine französische Fahne auf der Kathedrale gehisst. In den Kohlebergwerken im Norden wurde verschiedentlich die Arbeit niedergelegt. Während des ganzen Zweiten Weltkriegs gibt es am 11. November, der im Übrigen immer von den Behörden gefeiert wird, symbolische Gesten. Die berühmteste ist der Umzug der Maquisards in Oyonnax im Jahr 1943.