Unternehmen Marius Berliet und Söhne

CBA, camion 3,5 tonnes Berliet,1913. Source : conservatoire du Montellier
CBA, camion 3,5 tonnes Berliet,1913. Source : conservatoire du Montellier
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Marius Berliet wird 1866 im Lyoner Industrieviertel Croix-Rousse geboren. Seine Familie väterlicherseits stammt aus Nord Dauphiné bei Lyon, wo viele Generationen als Pflüger arbeiteten. Sein Großvater hat die Landwirtschaft Anfang des XIX. Jahrhunderts verlassen und in Lyon eine Anstellung als Tüllmacher gefunden. Sein Vater gründete eine bescheidene Stoffproduktionswerkstätte für Hutdekorationen. Seine Mutter Lucie Fabre stammt aus dem Süden.

Die Berliets und die Fabres gehören der ”Kleinen Kirche” (Petite Église) an, einer Gemeinschaft traditionalistischer Katholiken, die den Text des Konkordats von 1801 nicht akzeptiert haben. Marius Berliet ist das älteste von 7 Geschwistern.

Seinen Schulabschluss in der Tasche, tritt er 1881 mit 15 Jahren als Webergeselle in den väterlichen Betrieb ein und belegt Abendkurse in Mechanik und Englisch in der Berufsbildungsgesellschaft Société d'Enseignement Professionnel du Rhône. Als er die Aktivität seines Vaters um die Herstellung von künstlichem Leder und dem Prägen von Stoffen ergänzt und eine Maschine zum Aufwickeln von Bändern erfindet, ist er 24 Jahre alt.

Von der Mechanik in den Bann gezogen, konstruiert er 1894 seinen ersten Motor und 1895 sein erstes Automobil. 1899 kauft er in der Rue Sally Nr. 56 in Lyon einen 90 m2 großen Laden und mietet im Jahr 1900 in der Rue Paul-Michel Perret Nr. 1 eine 450 m2 große Werkstatt. Im Jahr 1902 erwirbt er die Werke Audibert-Lavirotte (5.000 m2), den Vorläufer des Berliot Werkes in Monplaisir.

Corps 2

Marius Berliet im Jahr 1915, im Alter von 39 Jahren. Quelle: Fondation Berliet

Im Jahr 1905 erhält er mit dem Verkauf der Lizenzen für 3 Berliot-Fahrzeuge mit 22, 40 und 60 PS an die American Locomotive Company (ALCo) die notwendigen Mittel für seinen industriellen Aufschwung. Die von ALCo produzierte Kuhfänger-Lokomotive wird zum Emblem der Marke Berliet. 1909 wird eine Lehrlingsschule gegründet. 1912 gehen etwa 50 % der hergestellten Fahrzeuge in den Export. In diesem Jahr gewinnt ein deutsches Team mit einem Berliet Serienfahrzeug die Rallye von Monaco. 1913 verlassen 3.500 Fahrzeuge das Werk in Monplaisir, das sich über 48.000 m2 erstreckt.

Werk in Lyon Monplaisir. Quelle: Fondation Berliet

1914 produziert das Werk 6.000 Mörsergranaten pro Tag, dann Lastwagen (40 Berliet CBA pro Tag im Jahr 1916) und Renault Panzer (1.050 in 1918).

1916 kauft Marius Berliet 400 ha Land in Vénissieux - Saint-Priest und baut innerhalb von zwei Jahren eine neue Fabrik auf, in der von der eigenen Stahlproduktion bis zum fertigen Produkt alles aus einer Hand kommt.

Nach seinem Bankrott 1921 krempelt das Unternehmen, das 1917 zur Aktiengesellschaft wurde, die Ärmel hoch, konstruiert 1930 den ersten eigenen Dieselmotor, unternimmt die ersten Sahara-Missionen (1926-1932) und stellt später ausschließlich Nutzfahrzeuge her. Während des Zweiten Weltkriegs wird die Produktion von Synthesegas aus Holzabfällen (gazobois) für den Fuhrpark in Südzone bis Ende 1942 möglich sein: Danach wurde Berliet von der Besatzungsmacht wie die Automobilbauer der Nordzone behandelt. Trotz des Politikums, den das Unternehmen darstellt, wird es 1949, dem Jahr des Todes von Marius Berliet, an seine Eigentümer zurückgegeben.

Gemäß den Grundsätzen der ”Kleinen Kirche” bestimmt er das Familienoberhaupt, das ihm nachfolgen wird: Paul, sein vorletztes Kind, geboren 1918. Dieser übernimmt die Zügel des Unternehmens ab 1950 zusammen mit Émile Parfait, dem Präsidenten der Automobiles Marius Berliet.

Die Produktion steigt von 17 Lastwagen pro Tag 1950 auf über 120 Lastwagen pro Tag 1974. Berliet konzentriert seine Anstrengungen auf den Export in Europa und ab 1958 auf die Förderung einer Industrialisierungspolitik in den Schwellenländern für den Eigenbedarf dieser Länder. Zu den wichtigsten Etappen des Unternehmens zählen: 1957 Gründung von Berliet Algerien und Einweihung der ersten Fahrzeugmontagelinie im selben Jahr, 1958 Gründung von Berliet Marokko, 1965 Technologietransfer in China für die Fertigung von 4 Nutzfahrzeugtypen, 1969 Vertrag für den Aufbau einer schlüsselfertigen Omnisbusfabrik in Kuba, 1970 Vertrag zur Industrialisierung einer Reihe von 7 Fahrzeugen und Errichtung eines schlüsselfertigen Industriekomplexes in Algerien (auf 300 ha mit 10.000 Beschäftigten), 1972 Vertrag zur Industrialisierung des PR 100 Linienbusses in Polen und Errichtung einer Fabrik mit einem Ausstoß von 25 Einheiten pro Tag. Hinzu kommt eine sehr breit angelegte Aus- und Weiterbildungspolitik.

Parallel werden mit der Errichtung verschiedener Werke im Umkreis von 60 km rund um Lyon erfolgreich vorangetrieben: Zum einen eine regionale Dezentralisierungspolitik -

hinzu kommen die Standorte 1964 Bourg-en-Bresse (Montage), 1970 Saint-Priest und Andrézieux-Bouthéon (Achsen und Getriebe), 1971 Chambéry (Feuerlöscher) und Arbresle (Feinmechanik) - und zum anderen eine Politik der Rationalisierung der Herstellungsprozesse und Anlagen in allen Bereichen des Unternehmens.

Zwei strategische Entscheidungen prägen die 1960-er Jahre: Zum einen 1962 der Gründung des Studien- und Forschungszentrums zur Weiterentwicklung des Produkts, und zum anderen 1967 die Kapitalbeteiligung der Michelin Gruppe und Übernahme der LKW-Fertigung von Citroën.

1975 hatte Berliet 24.000 Beschäftigte. Auf Betreiben des Staates wird Berliet vom Renault-Konzern übernommen. 1978 wird Berliet mit der Renault Nutzfahrzeuge-Tochter Saviem zur neuen Firma Renault Véhicules Industriels (RVI) zusammengeschlossen. 1980 verschwinden die Marken Berliet und Saviem zugunsten der Marke Renault.