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Gedächtnistourismus in der Region Hauts-de-France

Mémorial canadien de Vimy
Kanadische Gedenkstätte Vimy - © DR - © DR

Zusammenfassung

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    Lieux et sites de mémoire étrangers dans les Hauts-de-France -
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    Zusammenfassung

    DATUM: 2020

    ORT: Frankreich

    HERAUSGEGEBEN: 130. Geburtstag von General de Gaulle, 80. Jahrestag seines berühmten Aufrufs vom 18. Juni 1940 und 50. Todestag

    Die Region Hauts de France ist ein Gebiet des Gedenkens, das anlässlich der Hundertjahrfeier des Ersten Weltkriegs scharenweise französische und ausländische Gäste empfing. Gestützt auf diesen Erfolg und die Mobilisierung lokaler Akteure fördert die Region ein Zusammenwirken aller Gebiete im Bereich des Gedächtnistourismus, der wirtschaftliche, kulturelle und zivilgesellschaftliche Herausforderungen mit sich bringt.

    Anlässlich der Hundertjahrfeier des Ersten Weltkriegs war die Region Hauts de France Schauplatz wichtiger Gedenkmomente, bei denen Frankreich und viele Länder Europas und des Commonwealth ihren im Ersten Weltkrieg gefallenen Soldaten ausdrücklich die Ehre erwiesen.

    In den fünf Départements, aus denen die Region besteht, war die Hundertjahrfeier eine großartige Gelegenheit, um die begleitend zu den Feiern ergriffenen Initiativen ins Rampenlicht zu stellen. Denn auch wenn das Kulturerbe des Gedenkens bezeichnend für die von beiden Weltkriegen verursachten Verwüstungen in der Region ist, sind die Überzeugung und die freiwillige Beteiligung der Gebietskörperschaften hervorzuheben, da sie eine Förderung der kulturellen und touristischen Entwicklung durch die erlittene Geschichte bewirken.

    Daraus ergibt sich seit den 1990er-Jahren eine starke Dynamik, die sich sowohl in der unglaublichen Vitalität dieses Gedenkens an die Weltkriege zeigt, das mit zahlreichen Ländern geteilt wird, als auch in der beständigen Fähigkeit der Region Hauts-de-France, sich von den vielen Prüfungen des 20. Jahrhunderts zu erholen.

    Knotenpunkt des internationalen Gedenkens

    Nach dem Ersten Weltkrieg beauftragten die Nationen des britischen Empire die Commonwealth War Graves Commission mit der Fortführung der Pflege der Soldatenfriedhöfe von Ypres in Belgien bis zur Somme, die an die ehemaligen Schlachtfelder erinnern, und mit der Errichtung von Gedenkstätten für alle Soldaten, die nicht in einem eigenen Grab bestattet wurden.

    Zur gleichen Zeit, als ihnen die Krone mehr Autonomie gewährt, erzählen die Dominions des britischen Empire ihre eigene nationale Geschichte rund um die Stätten des Ersten Weltkriegs, die symbolträchtige Zeugen ihrer Heldentaten sind: Kanada auf der Crête-de-Vimy im Pas-de-Calais; Neuseeland in Quesnoy im Norden; Südafrika in Longueval und Australien in Villers-Bretonneux bei Amiens im Département Somme. In diesem Département wird das Thiépval-Denkmal zum zentralen Ort des britischen Gedenkens zu Ehren aller Soldaten, die 1916 anlässlich der Schlacht an der Somme als vermisst gemeldet wurden.

    Die Region Hauts-de-France verzeichnet daher seit langem schon ein starkes Engagement Kanadas und Australiens. An den beiden wichtigsten Stätten Vimy (Pas-de-Calais) und Beaumont-Hamel (Somme) betreibt die kanadische Regierung ein erstklassiges Gedenkprogramm, das in einer gelungenen Mischung für den Schutz der Bereiche des Schlachtfelds, den persönlichen Empfang vor Ort und die Vermittlung durch jungen Freiwillige aus Kanada sorgt, die als Studierende Führungen durchführen. Australien hat überdies den Australian Remembrance Trail along the Western Front eingerichtet, der am Interpretationszentrum Sir John Monash und der nationalen Gedenkstätte Villers-Bretonneux (Somme) beginnt, wo jeden 25. April im Morgengrauen anlässlich des ANZAC Day eine ergreifende Feier stattfindet.

    Frankreich entscheidet sich seinerseits für die Schaffung großer Nationalfriedhöfe, wo die in einem bestimmten Frontabschnitt gefallenen Soldaten bestattet sind. Diese im staatlichen Eigentum befindlichen Stätten sind der Zuständigkeit des französischen Verteidigungsministeriums unterstellt, das sich mit Hilfe einer seiner Einrichtungen für solche Angelegenheiten, dem Office national des anciens combattants et victimes de guerre (nationales Büro der Kriegsveteranen und -opfer) um deren Erhaltung und Aufwertung kümmert. Mit Verdun im Maas-Gebiet räumt das Land dem Abschnitt des Chemin des Dames im Département Aisne einen besonderen Platz in seinem Gedenken ein. Denn dort fanden 1917 so harte Kämpfe statt, dass einige Soldaten den weiteren Kampf verweigerten.

    In der Region Hauts de France führt auch der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge Maßnahmen zur Pflege der deutschen Soldatenfriedhöfe auf den ehemaligen Schlachtfeldern und in den besetzten Gebieten durch. Dasselbe gilt für die American Battle Monuments Commission in Bezug auf die amerikanischen Friedhöfe im Département Aisne, wo zahlreiche Sammies ruhen, die 1917 und 1918 an der Seite der französischen Armee kämpften.

    Die miteinander verbundenen Erinnerungen zwischen der Region Hauts de France und den verschiedenen Nationen tragen zur internationalen Ausrichtung und touristischen Attraktivität der Region bei. So ist auch der Empfang von Besuchern, die an das Grab eines Angehörigen kommen oder ein wichtiges Kapitel der Geschichte ihres Landes kennenlernen wollen, seit langem eine Tätigkeitsbereich der Gebietskörperschaften.

    Eine innovative Tourismusstrategie der lokalen Akteure

    Seit Ende der 1980er-Jahre verfolgen die Départements Somme und Aisne eine innovative Strategie, die eine Route anbietet, die an einem Ort des Gesamtverständnisses beginnt.

    Im Département Somme bildet das 1992 gegründete Historial-Musée de la Grande Guerre (Museum zum Ersten Weltkrieg) in Péronne den Ausgangspunkt eines markierten Rundwegs der Erinnerung. Es zeigt vor allem die Gedenkstätten der Schlacht an der Somme von 1916, die ein wichtiger Bezugspunkt des Gedenkens der Commonwealth-Staaten ist, denn dort fand die größte Offensive der britischen Armee im Laufe des Ersten Weltkriegs statt.

    Der Départementrat Aisne steuert die Entwicklung der Caverne du Dragon (Drachenhöhle), um diese zum Ort des Verständnisses für das historische Gebiet des Chemin des Dames zu machen, welcher Schauplatz der am 16. April 1917 von den französischen Streitkräften ausgelösten Kämpfe war. Diese Offensive endet mit einer Niederlage, aus der die französischen Soldaten übel zugerichtet hervorgehen, so dass sie die Fortsetzung der Kämpfe verweigern, wie es im bekannten Lied Chanson de Craonne zum Ausdruck kommt.

    Anlässlich des 90. Jahrestags des Waffenstillstands von 1918 präsentiert das Nord-Pas-de-Calais seinerseits vier „Chemins de mémoire de la Grande Guerre en Nord-Pas-de-Calais“ (Wege der Erinnerung an den Ersten Weltkrieg im Nord-Pas-de-Calais). Neben einer Route entlang der ehemaligen Frontlinie, an der sich viele Schlachten abgespielt haben (vor allem die Schlachten im Artois 1914 und 1915, die Schlacht von Fromelles 1916, die Schlacht von Arras sowie die Schlacht von Cambrai 1917 und die Schlacht an der Lys 1918), beleuchten weitere drei Wege einige verkannte Aspekte des Konflikts: den Bewegungskrieg und die erste deutsche Besatzung, die Organisation der alliierten Streitkräfte entlang der Ärmelkanal- und Nordseeküste sowie Beispiele für den Wiederaufbau nach dem Krieg..

    Obwohl die letzten Frontsoldaten in einem vereinten und friedlichen Westeuropa verschwinden, fanden die Hundertjahrfeiern großen Anklang bei der Bevölkerung und luden jeden ein, sich mit diesem bedeutenden Kapitel der Geschichte Europas und der Welt zu befassen. Der vom Regionalrat Nord-Pas-de-Calais gegenüber dem Nationalfriedhof Notre-Dame de Lorette errichtete Ring der Erinnerung soll bei Zusammenkünften die Möglichkeit bieten, die Auswirkungen des Konflikts zu ermessen und dessen Opfer zu ehren. Dieses 2014 eingeweihte Werk würdigt somit die im Ersten Weltkrieg im Norden und im Pas-de-Calais gefallenen 580.000 Soldaten, indem es ihre Namen in einfacher alphabetischer Reihenfolge ohne Unterscheidung nach Nationalität, Grad oder Religion anordnet.

    Der Blick auf die Hundertjahrfeier des Ersten Weltkriegs hat auch die Aufwertung der Erinnerungskultur im Département Oise rund um das „Musée de territoire 14-18“ und den Weg „Ligne Rouge“ (Rote Linie) bewirkt. Im Gebiet der Oise befindet sich die Lichtung des Waffenstillstands von Compiègne, welche ein wahres Epizentrum der französischen Zeitgeschichte ist, da hier zwei Waffenstillstände unterzeichnet wurden: jener vom 11. November 1918, der den Sieg Frankreichs besiegelte, und jener vom 21. Juni 1940, der die Niederlage des Landes gegen die Nazi-Truppen am Ende der Schlacht um Frankreich markiert.

    Außerdem haben die Vertreter der Tourismusbranche (Unterkünfte, Restaurants, Fremdenführer, Sehenswürdigkeiten und Tourismusbüros...) Netzwerke engagierter Einrichtungen gebildet, um ihre Kenntnisse über die Erwartungen und Bezugspunkte Ihrer Gäste in Bezug auf das Gedenken zu vertiefen, damit sie diese besser betreuen können. Diese von Somme Tourisme zusammen mit den „Somme Battlefields Partners“ ausgelöste Dynamik hatte die Schaffung weiterer Gastgebernetzwerke im Nord-Pas-de-Calais zusammen mit den „Northern France Battlefields Partners“ und den „Passeurs de mémoire“ (Gedenkvermittler) im Département Aisne zur Folge.

    Auch wenn die Aufmerksamkeit anlässlich der Hundertjahrfeier des Ersten Weltkriegs besonders den Stätten gegolten hat, die Zeugen des Ersten Weltkriegs waren, umfasst die Erinnerungskultur der Region Hauts de France auch mehrere symbolträchtige Stätten der Geschichte des Zweiten Weltkriegs, die zu wichtigen Sehenswürdigkeiten für den Fremdenverkehr in der Region geworden sind.

     

    La Coupole

    Die Kuppel von Helfaut, Geschichtszentrum und 3D-Planetarium. © La Coupole

     

    Gedenken an den Zweiten Weltkriegs

    Für die Region Hauts de France bietet das Jahr 2020 die Gelegenheit, verschiedene Gedenkorte und Interpretationseinrichtungen im Rahmen des 80. Jahrestages der Schlacht um Frankreich und des 75. Jahrestages der Befreiung aus den Konzentrations- und Vernichtungslagern der Nazi in den Vordergrund zu stellen.

    Drei große nationale und internationale Gedenkzentren geben einzigartige Aufschlüsse über die Geschichte des Zweiten Weltkriegs:

    • Im Norden erinnern das Musée Dunkerque 1940 – Opération Dynamo und das Fort des Dunes von Leffrinckoucke an die Geschichte der Schlacht von Dünkirchen, welche die Niederlage der französischen und britischen Streitkräfte im Frankreichfeldzug im Mai und Juni 1940 besiegelte, sowie an die Geschichte der Operation Dynamo, die den Rückzug von 340.000 Soldaten nach England ermöglichte. 
    • Aufgrund seiner Nähe zu England wird das Pas-de-Calais zu einem wichtigen strategischen Abschnitt für Nazi-Deutschland: als ehemalige Startbasis der V2-Raketen erzählt die beeindruckende Kuppel von Helfaut bei Saint-Omer die besondere Geschichte der Besatzung des Nordens und des Pas-de-Calais sowie der wissenschaftlichen Fortschritte der Nationalsozialisten, die nach dem Krieg die Programme zur Eroberung des Weltraums ermöglichten. 
    • In Compiègne im Oise-Gebiet wird das Militärlager Royallieu unweit der Lichtung des Waffenstillstands vom deutschen Besatzer in ein Gefangenen- und Transitlager für Widerstandskämpfer, politische und zivile Internierte sowie Juden vor dem Abtransport in die Vernichtungslager umfunktioniert. Das Lager ist heute eine Gedenkstätte der Internierung und Deportation

    Einige weitere Museen und Gedächtnisstätten liefern zusätzliche Aufschlüsse über die Härten der Besatzung im Nord-Pas-de-Calais (unter deutscher Verwaltung) und in der Picardie (die unter französischer Verwaltung blieb), den Anfang der Widerstandsbewegungen, aber auch die Deportationen, Repressionen und Vergeltungsmaßnahmen durch den Besatzer: das Museum des Widerstands und der Deportation der Picardie in Vassogne im Département Aisne, die Festung Bondues, das Memorial des Massakers von Ascq und das Memorial des Train de Loos in der Metropole Lille oder auch die Mauer der Erschossenen der Zitadelle von Arras.

    Überdies markiert das Jahr 2020 den 130. Geburtstag von General de Gaulle, den 80. Jahrestag seines berühmten Aufrufs vom 18. Juni 1940 und seinen 50. Todestag. Aus diesem Anlass stellte das Département Nord die Sanierung des Geburtshauses des Generals in Lille fertig, während die Region Hauts de France ein umfangreiches Kulturprogramm unter dem Motto „De-Gaulle-Jahr Hauts de France 2020“ koordiniert.

    Nachdem 2015 durch Zusammenlegung des Nord-Pas-de-Calais und der Picardie die Region Hauts de France geschaffen worden war, umfasst diese folglich Gebiete, die bereits symbolträchtige Gedächtnisstätten für das Verständnis der beiden Weltkriege in der Region zutage brachten.

    Während das Ende des Zyklus der Hundertjahrfeiern zum Ersten Weltkrieg endgültig dazu führte, dass sich die Erkundung seiner Stätten in einen Geschichtstourismus verwandelte, hat sich die Region Hauts de France der Arbeit an diesem „Nachher“ verschrieben: in Zusammenarbeit mit den Akteuren des Gedenkens und Tourismus ist das Entstehen eines einheitlichen Besuchsangebots auf Ebene der Region Hauts de France das beste Mittel, um das Renommee und die Attraktivität der Gedächtnisstätten für die Zukunft aufrechtzuerhalten.

     


    Die Restaurierung der Mosaiken der Basilika Notre-Dame de Lorette

     

    Notre-Dame de Lorette

    Innenraum der Basilika Notre-Dame de Lorette. © Guillaume Pichard

     

    Inmitten des größten französischen Friedhofs, der 2014 in den Rang einer nationalen Gedenkstätte besonderer Bedeutung erhoben wurde und auf dem mehr als 42.000 französische Soldaten ruhen, die an der Front des Artois und Flanderns gefallen sind, erhebt sich eine Basilika im romanisch-byzantinischen Stil, die am 2. August 1925 eingeweiht wurde. Sie wurde vom Architekten Louis-Marie Cordonnier entworfen und besitzt bemerkenswerte Glasfenster und Mosaike.

    Im Rahmen seiner Politik zur Erhaltung des Gedenkerbes hat das Verteidigungsministerium 2019 die Restaurierung der Mosaike fertiggestellt, die im Laufe der Zeit gelitten hatten. So entstand eine einzigartige Stätte von großem Wert.

     


    Das Netzwerk Mem’Histo

     

    plaquette de présentation

    Präsentationsbroschüre. © Netzwerk Mem’Histo

     

    14 Einrichtungen haben sich unter dem gemeinsamen Banner des Netzwerks Mem‘Histo zusammengeschlossen, um den Reichtum und die Vielfalt der zeitgenössischen Museen für Geschichte und Gedenken in der Region Hauts de France zu fördern.

    Diese Museen, die an die Arbeit und Industrie, aber auch an den Ersten und den Zweiten Weltkrieg erinnern, können virtuell über eine interaktive digitale Plattform besichtigt werden. Die Einrichtung ist in vier Sprachen unter folgender Adresse abrufbar: www.memhisto.com.

     


    Digitale Innovation

     

    Dispositif "1917 Bullecourt 360°". © David Quérin

    Einrichtung „1917 Bullecourt 360°“. © David Quérin

     

    Die digitale Technik ist ein wichtiges Mittel, um das Verständnis für die Orte und Geschichte des Gebiets zu fördern. Das Verteidigungsministerium hat im Rahmen von zwei nationalen Projektausschreibungen „Innovative digitale Dienste für den Gedächtnis- und Geschichtstourismus in Frankreich“ drei Projekte aus der Region Hauts de France unterstützt, darunter die im Museum Jean et Denise Letaille-Bullecourt 1917 entwickelte immersive Technologie „1917 Bullecourt 360°“. Darüber hinaus werden das Memorial 14-18 von Notre-Dame de Lorette und der Louvre Lens Vallée 2021 eine Fachtagung des Netzwerks der Museen und Gedenkstätten zeitgenössischer Konflikte beherbergen, die sich mit digitaler Innovation beschäftigt.

    Autor

    Édouard Roose - Für die Gedenkpflicht zuständiges, beigeordnetes Mitglied des Regionalrats von Hauts de France

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